2014 im Rückblick


Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 310 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 5 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

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Geheimnis des Glanzes


Das Geheimnis des Glanzes

Die beiden Freunde, von denen ich schon etliche Male erzählte, saßen sich wieder einmal speisend im Interconti gegenüber.

Wiederholt hatte ich Gelegenheit, durch die Akustik begünstigt, große Teile ihres interessanten, manchmal frivolen Gespräches zu hören. Sie waren Geschäftsleute, Herren in meinem Alter, die auch über Wertpapiere und Geschäftsambitionen sprachen. Ich meine sie von der Schule her zu kennen, bin aber nie diesbezüglich auf sie zugegangen. Das Zuhören schien mir bisher immer interessanter.

Besonders gern hörte ich Ihnen zu, wenn es, wie heute wieder, um die Damenwelt ging…

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Drewermann


Dr. Eugen Drewermann
„Heil und Heilung – Theologie und Psychoanalyse“
(Tonbandabschrift des Festvortrages vom 21.Mai 1997)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ganz herzlich danke ich für diese freundliche Einladung und Einleitung zu einem Thema, das kaum wichtiger sein könnte.
Mit aller Sicherheit kann man die Behauptung aufstellen, daß vielerlei Krankheiten in unseren Tagen entweder einer leichteren Heilung zugänglich wären oder gar nicht erst entstehen würden, wenn Theologie und Psychologie, wenn Seelsorge und Psychotherapie in dem Verhältnis zueinander befindlich wären, in dem sie ihrem ganzen Wesen nach zueinander stehen müßten.

Stattdessen sehen wir im gesamten 20. Jahrhundert einen unglückseligen Grabenkrieg, in dem die Psychoanalyse vor allem weitgehend im Kampf gegen den verinnerlichten Zwang und Aberglauben einer bestimmten Doktrin sich atheistisch formuliert hat und auf notgedrungene Weise gottlos redet über die Seele des Menschen.

Wohingegen die Theologie umgekehrt nicht nur im Verdacht steht seelenlos zu reden von Gott. Beide, im Ringen um die Gesundheit des Menschen, Theologie wie Psychologie, bedürften einander wie die linke und die rechte Hand. Wenn es gelingen sollte am heutigen Nachmittag etwas dazu beizutragen, daß die so verfeindeten und doch zusammengehörigen Brüder über den Graben kämen, den sie selber zwischen sich ausgehoben haben, hätten wir einen nicht geringen Beitrag zur Psychohygiene inmitten unserer Kultur geleistet.

Wie stark das Sprechen von Gott heilend sein muß in bezug zu den menschlichen Krankheiten wußte man um Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums. Wenn Sie bei einer Griechenlandreise nach Epidauros kommen, finden Sie dort das Heiligtum des Gottes Asklepios, des Gottes, dessen Emblem in Gestalt einer Schlange noch heute die Eingangstür so manchen Arztes und so manchen Apothekers ziert.

Asklepios dem Namen nach ist die Gottheit, die hervorgebracht wird von Apoll, dem Gott der Verstandesklarheit und -helligkeit, und der dunklen Mondgöttin Aigle-Coronis, der Hell-Leuchtend, Dunkel-Schwarzen.

Asklepios dem Namen nach, meinte Karl Kerényi, ist das aufscheinende Licht. Wie auch immer die Deutung des Namens, ganz sicher bleibt uns, daß Asklepios in der Traumkunde der Nächte durch die Auslegungspraxis seiner Priesterärzte im Heiligtum Krankheiten von Menschen zu heilen verstand. Dies sogar war sein Auftrag bei seiner Geburt. Nicht allein die Krankheit, sogar den Tod, sollte er überwinden können.

Es ist paradox zu sagen, daß wir 1900 Jahre im sogenannten christlichen Abendland nötig hatten, um ein elementares Wissen der Heilpraxis griechischer Antike neu zu finden. Und uns hindurchzuarbeiten durch einen meterhohen neurotischen Schutt, um an die Quellen der menschlichen Psyche wieder heranzureichen, aus denen Träume, die Symbolsprache des Unbewußten, uns Aufschluß geben über das, was uns krank macht und was uns bereitstehen könnte auf dem Weg zur Gesundung.

Ein anderes elementares Stück ärztlicher Praxis in der Antike verdanken wir der Religion des Pythagoras. Just des Mannes, von dem die meisten von Ihnen wohl noch gerade soviel in Erinnerung haben, wie das diese lausigen Kathetenquadrate gleich sein sollen dem Hypotenusenquadrat.

Kaum jemand wird wissen, daß Pythagoras der Gründer einer eigenen, sehr weisen Religion war, darin bestehend, die Harmonie der Welt, sagen wir die Musik des Alls, in Form von Tanz und Einklang der Seele mit dem Körper, therapeutisch zu nutzen.

Einer der Großen der pythagoreischen Heilkunst zum Beispiel war Empedokles, der die Menschen gesund zu machen verstand durch seine Rede. Dem großen griechischen Philosophen Platon verdanken wir in einem seiner Dialoge unter dem Titel „Charmides“ eine sehr gute Darstellung der pythagoreischen Heilverfahren, ohne daß er sie an dieser Stelle besonders erwähnt.

Platon nämlich erzählt, wie sein Lehrer Sokrates zu einem jungen Mann gerufen wird, der unter chronischer Migräne leidet. Gehört nämlich hat man, daß Sokrates aus einem Feldzug gegen die barbarischen Thraker ein Heilmittel mitgebracht habe. Aber kompliziert, wie der Weise von Athen zu sein pflegte, lehnte er es ab, das Medikament zu benutzen.

Er erläuterte die Weigerung damit, daß er sein Pharmakon erhalten habe aus den Händen eines Priesterarztes, eines Schamanen des Gottes Zamolxis. Diesem habe er geloben müssen, das Medikament niemals zum Einsatz zu bringen, ehe er denn die Seele des Kranken eingeladen habe zu einem schönen Gespräch. „Denn siehst du, Sokrates“, habe der barbarische Schamane gesagt, „eben deswegen sind die Ärzte der Helenen ohnmächtig über so mancherlei Krankheit, daß, wenn du zu ihnen kommst, sie gleich beginnen zu trennen die Krankheit des Auges vom Kopf, den Kopf vom Rumpf, den Rumpf von den Gliedern, den Körper von der Seele, aus welcher doch dem Menschen überhaupt erst Krankheit oder Gesundheit entsteigt. Deshalb Sokrates, wenn du einen solchen Arzt triffst, der, ehe er dich bittet zu einem schönen Gespräch, gleich beginnt zu trennen das Auge vom Kopf, den Kopf vom Rumpf und so weiter, dann fliehe einen solchen Arzt als die Krankheit selber“.

Das ist fünftes vorchristliches Jahrhundert! Sich um die Träume der Menschen zu kümmern und um die Rede der Menschen, so daß sie sich verstehen könnten bis in den Prozeß der Krankheit. Und lieferten sich dem Arzt nicht aus, sondern gewönnen ganz im Gegenteil Freiheit wieder über das Geschehen, das sie am allermeisten betrifft.

Dies sind Erkenntnisse, die wir bis in die Gegenwart hinein in die Psychotherapie delegiert haben, weil sie in aller Regel im Rahmen der Gerätemedizin keine Rolle mehr spielen dürfen. Und wir haben eine Religionsverwaltung in Gestalt der christlichen Kirchen, die von vorneherein erklärt, inkompetent zu sein.

Wenn es um Krankheit geht, ist die Seelsorge am Ende.

Seelische Erkrankungen schon gar ist eine Sache für die Experten, Psychotherapeuten, 150,- Mark, dreiviertel Stunde Menschlichkeit an der Ecke, oder noch teurer, wenn es denn gleich zum Psychiater geht, Gespräche und Medikamente.

Wir hätten das Problem nicht, verstünden wir, daß wir überhaupt nicht über Religionsgeschichte debattieren, sondern im Grunde um einen wesentlichen Auftrag der Botschaft Jesu selber uns bemühen.

Es ist immer wieder die Frage, was ist an der Person und der Einstellung Jesu spezifisch, was sollte als Kern des Christlichen begriffen werden. Nach theologischer Lehre ohne Zweifel die Erlösung, die Erlösung vom Teufel, aber – selbst wenn man so spricht, geht es irgendwann um die Befreiung von Krankheit und Tod.

Und sind das nicht bloß reine Worte, sondern nimmt man, was das Christentum eigentlich sagen möchte und zu sagen hätte, wirklich ernst, bedürfte es einer dementsprechenden Praxis.

Lassen wir den Teufel eine Weile aus dem Spiel, dann sehen wir im sechsten Kapitel des Markus-Evangeliums, daß Jesu seinen Jüngern befiehlt, sie sollten in die Dörfer Galiläas gehen, indem sie Kranke heilen und den Dämon austreiben. Übersetzen wir das Wort „Dämon“ an dieser Stelle einmal mit all den Seelenzuständen der Entfremdung, der Komplexbildung, der Dissoziation der Person, der unbewußten Formen verdrängten seelischen Materials, das durch Gegenbesetzung, durch Charakterprägung, dem eigenen Ich entzogen wird.

Dann hätten wir einen langen Katalog von all dem, was wir zur Befreiung des Menschen, zu seinem Glück im Sinne Jesu, in die Welt tragen müßten, damit von Gott wahrhaftig die Rede sei. Es ist, was Jesu da sagt, nicht irgendeine Nebensache, seine Art, auf Menschen zu zugehen.

Das Neue Testament versichert uns förmlich, daß, zum Beispiel im Unterschied seines Lehrers Johannes des Täufers, Jesus, wenn er von Gott sprach, Menschen zu heilen vermochte.

Allerdings nur, insoweit sie zu einem Vertrauen zu ihm fanden. Ganze Dörfer in Galiläa gab es, in denen, wie Markus erzählt, wieder im sechsten Kapitel, Jesus keine Wunder wirken konnte.

Was wir vor uns haben, läßt sich deswegen nicht übertragen in eine bestimmte Form der Wundermagie, wie sie sehr früh schon in der kirchlichen Lehre der Vätertheologie beginnt: Jesus eben, weil er der Sohn Gottes war, konnte ohne jede Schwierigkeit, wann immer er wollte, Menschen heilen; er mußte es nur sagen und dann geschah es, eben darin zeigte sich seine Vollmacht und Allmacht.

Da wir nur Menschen sind, ist es von vorneherein vermessen und ganz unvergleichlich, etwas ähnliches tun zu wollen. Wir haben aus der Form, in der Jesus durch seine Menschlichkeit Kranke heilte, lediglich übrigbehalten die Sakramente der Kirche. Von ihnen machen wir einen reichen rituellen Gebrauch, aber es gibt keinerlei Übersetzungen in den Alltag notleidender Menschen, in die Zonen, wo sie am dringendsten und am meisten nach Gott rufen, klagend und fragend.

Eine Seelsorge, die gerade diesen Innenraum der Psyche als den Bereich ihrer Unzuständigkeit definiert, kann nicht länger sich beglaubigen als eine Vermittlung zwischen Gott und den Menschen. Ganz im Gegenteil, sie reißt das Reden von Gott aus der menschlichen Erfahrung heraus, und sie stellt am Ende sogar den Innenraum der menschlichen Psyche als etwas Entfremdetes dem Menschen gegenüber.

Fragen wir uns, was wir unter solchen Voraussetzungen tun könnten, um das Anliegen der Botschaft Jesu entsprechend der Not der Menschen heute wiederzugewinnen, so scheinen es mir zwei Dinge zu sein, die wir recht einfach eigentlich wiedererlernen könnten. Ich sage recht einfach, um einen Verdacht zu wehren, der vielleicht gleich schon sich erheben möchte, daß da die Forderung auch nur, Theologie und Psychotherapie könnten enger zusammenrücken, die armen Priester in den Pfarreien, die armen Gläubigen zumal, schier überlasten sollte.

Nach sechs Jahren theologischen Studiums jetzt auch noch Psychologie, das scheint einem Perfektionswahn gleichzukommen.

Und umgekehrt, ein langes psychologisches Studium noch zu überwölben mit den Geheimnissen der Theologie, das geht dem Steuerzahler bei der Ausbildung von Studenten zu weit, das ist ineffizient.

Worum es mir in Wirklichkeit geht ist nicht, daß wir sozusagen Öl auf`s Wasser gießen und lassen die eine Expertenschicht über die andere solange schwimmen bis daß die Fische darunter keinen Sauerstoff mehr kriegen.

Was ich anregen möchte, ist im Grunde eine Zusammenfügung menschlicher Selbstverständlichkeit. So wie Sie Jesus im Grunde etwas leben sehen, das er nicht einer höheren Gelehrsamkeit verdankt, nicht einmal dem Studium des Platon oder Pythagoras.

Jesus macht etwas ganz selbstverständliches wahr, das für ihn den Inhalt aller wahren Frömmigkeit bedeutet, eine bestimmte Form von Menschlichkeit. In zwei Punkten läßt sich konzentrieren, worum es geht. Und von beiden läßt sich sagen, sie sind so spezifisch für die ganze Art Jesu, mit Menschen von Gott zu reden, daß sie indispensabel sind für alles, was Christentum heißen mag.

Bedeutung von bedingungsloser Akzeptation und von Gefühlen

Den ersten Punkt im fromm-katholischen Furth im Wald mag ich am einfachsten verdeutlichen mit dem, was die Protestanten vor 500 Jahren eigentlich der Kirche von Rom schon wieder beibringen wollten.

Martin Luther nannte es den Primat der Gnade vor dem Gesetz.

Das klingt ein Stück kompliziert, ist aber menschlich so evident, daß vielleicht die einzige Schwierigkeit darin besteht, die Erschütterung dieses Selbstverständlichen Ihnen erlebbar zu machen.

Wovon Theologen reden, wenn sie Gnade sagen, ist etwas, das dem Wort nach sich nur noch aussprechen läßt im Kircheninnenraum.

Niemand auf dem Marktplatz, niemand auf den Straßen wird reden von Gnade. Und wenn er es denn tut, hat es eine falsche gefühlsmäßige Verbindung.

Gnade, das ist etwas, das von den hohen Herren und ihrem Thron herabträufelt auf die Untertanen. Es ist etwas, das jemanden gegeben wird, der so niedrig am Boden liegt, daß man sich tief herabbeugen muß. Wenn nur noch Gnade hilft, ist die Demütigung selber angezeigt. Gerade das kann und darf das Wort Gnade überhaupt nicht bedeuten.

Ganz im Gegenteil.

Übersetzen wir es einmal mit einem psychologischen Begriff, einem lateinischen Fremdwort, von dem ich sage, dass es heute deutscher ist als das ehrwürdige Lutherwort oder Pauluswort von der Gnade, setzen wir dafür Akzeptation.

Fügen wir das Eigenschaftswort noch hinzu „bedingungslose Akzeptation“, dann haben Sie die erste Grundregel jeder funktionierenden Psychotherapie.

Was Sigmund Freud vor fast genau 100 Jahren von der Not der Patienten, vor allem der Patientinnen, in der Bachgasse 19 in Wien lernen mußte gegen viele innere Widerstände, war im Grunde die einfache Erkenntnis, daß ein Mensch, der wirklich sich in Not befindet, der ein wirklich existentielles Problem hat, wie wir heute sagen würden, ganz sicher keine Hilfe erfährt, indem man den Zeigefinger hebt und ihm sagt, was er in moralischer Absicht nun zu tun und zu lassen hat.

Ganz im Gegenteil!

Kein Mensch kommt in irgendein schönes Gespräch zu einem Seelsorger oder Psychotherapeuten mit einem wirklichen Problem, wenn es sich so einfach lösen ließe.

Ganz im Gegenteil.

Es zeigt sich in aller Regel, daß es dutzendweise Leute gab, die immer schon wußten, wo es langgeht, wie man es richtig macht, was der Standpunkt der Moral gebietet und verbietet. Wenn es so funktionieren würde, wäre diese Frau, wäre dieser Mann nicht da.

Psychotherapie, meinte Sigmund Freud, besteht als erstes darin, daß wir alles Bewerten weglassen. Das weltanschauliche Einordnen, das moralische Einordnen, das Hineinstanzen von bürgerlichen Vorurteilen – all das hat der Psychotherapeut zurückzustellen, soweit ihm das irgend möglich ist.

Ich sag das mit solchem Nachdruck, weil Sie es mehr oder minder kaum als wesentlich kennengelernt haben, wenn Jesus am Ende seiner Bergpredigt Mt 7, 1-5, wie in Zusammenfassung des Wichtigsten, was er überhaupt sagen möchte, denen, die ihm zuhören, aufträgt, in keiner Form über Menschen zu richten, weil es nicht gutgehen kann.

Die Bergpredigt im übrigen läßt Matthäus gesprochen sein, wie Sie im vierten Kapitel nachlesen können, ausschließlich – ausschließlich zu allen schreibt er, „die elend dran waren“, und zählt sie auf, „Mondsüchtige, Gelähmte, Epileptiker“, zu den Kranken ist der Kern, das Herzstück des ganzen ersten Evangeliums gesprochen, und es ist nichts weiter als eine Aufzählung von Selbstverständlichkeiten, die Menschen brauchen würden, damit sie wieder mit sich zurechtkommen.

So geht es in den Worten der Bergpredigt bereits an: „Glücklich sind die Menschen, die ihre Armut kennen und dazu stehen“ – übersetze ich mal frei: glücklich sind die Menschen, die in dieser Welt noch weinen können. Nur sie werden die Fähigkeit haben zu Erbarmen und Mitleid.

In all den Punkten, die nun folgen, legt sich die Haltung eines Vertrauens aus, das jenseits aller Verurteilungen sich festmacht in einer reinen, unbedingten Zuwendung. Nur in ihr ist es möglich am Ende, innerlich so gefestigt zu sein, daß man nicht einmal mehr auf Aggression antworten muß mit Verteidigung und Zurückschlagen. In der es möglich ist, dem Mann, der kommt den Mantel zu rauben, zu sehen als jemanden, der selber in Hüllenlosigkeit, Kälte und Angst des Unterhemds freiwillig noch bedarf.

Und wer von dir eine Meile Wegsbegleitung fordert, mit dem gehe von dir selbst aus zwei, sagte Jesus.

Am Ende der Bergpredigt, als er heruntersteigt zu den Menschen, beginnen für den Jesus des Matthäus-Evangeliums eine Reihe von Heilungen an Kranken. Es ist gewissermaßen das Durcharbeiten menschlicher Zerspaltenheit bis zum Symptomatischen, bis zum Krankheitswert, die Weise wie die Wörter auf dem Berge praktisch werden, im Leben Jesu und in der Erfahrung der Menschen. Das was sich übersetzt aber hat diesen einen Kern: nicht zu verurteilen, sondern bedingungslos zu akzeptieren.

In der Psychoanalyse des atheistischen Juden Sigmund Freud ist es geläufig geworden, daß zwischen Arzt und Patient eine Art von Vertrag geschlossen wird, der orthodoxerweise bis in die Gegenwart noch so ähnlich gehandhabt wird. Es verspricht sich der Psychotherapeut in keiner Weise seine Patientin oder seinen Patienten zu manipulieren, zu dirigieren, zu zensieren, zu korrigieren – einzig ihn, soweit es möglich ist, zu akzeptieren.

Dafür umgekehrt verspricht die Patientin, der Patient, alles zu sagen, was ihr oder ihm durch die Seele geht – das Peinliche zuerst.

Bei dieser Schlußformel hängt es.

Wenn ich Ihnen verdeutlichen will, was eigentlich geschieht im Umfeld einer Vermittlung unbedingter Annahme, ist es so ähnlich zu beschreiben, wie wenn Sie einen Gletscher im Wehen des Fönwinds zum Abschmelzen bringen.

Immer wieder wenn ich sage, Jesus wollte die reine Zuwendung Gottes zu den Menschen verkünden, höre ich sagen, daß Gott aber auch der strenge Richter ist, daß auf diese Weise das Christentum billig wird, daß auf diese Weise Lohn und Strafe, Gerechtigkeit außer Kurs gesetzt werden, daß dann ja das Kreuz dem Menschen gar nicht mehr wesentlich ist, daß dann eine einfache Form des Glücklichseins auf Erden gepredigt würde.

Ja wirklich, ich muß sagen, Jesus hat sich so begriffen.

Als man ihm einmal vorwirft – drittes Kapitel bei Markus -, daß seine Jünger nicht fasten, also nicht finster durch die Welt gehen wie zum Beispiel die Johannes-Jünger und die Pharisäer, antwortete Jesus ganz simpel: „Jetzt, hier, ist Hochzeit“.

Zwischen Himmel und Erde will er sagen, zwischen Gott und den Menschen.

Jetzt wird nicht rumgetrauert, sonst jetzt lernt bitteschön die Freude, was anderes möchte ich überhaupt nicht sehen. Zeit zum Trauern habt ihr immer noch, aber jetzt verpaßt bitte nicht die Freude.

Das ist der ganze Jesus.

Er möchte, daß die Menschen glücklich sind und aufhören, sich dauernd in Bußreden zu Tode zu quälen und endlos schikanieren zu lassen mit einem ganzen Parcours von Sperrhürden, von Bedingungen, Voraussetzungen, Gesetzen, die man erstmal ableisten muß, mit Komplikationen einer Priesterschaft im Tempel, deren Opferrituale und Expertenwissen man benötigt, um überhaupt einigermaßen klar zu sehen, was Gott jetzt von den armen Menschen möchte.

Was Jesus in die Welt setzen will ist ganz einfach ein Vertrauen, das Gott die Hand aufhält, und zwar für diejenigen, die am zerbrochensten sind, am allermeisten.

Wer denkt, das wäre jetzt etwas ganz leichtes, eben weil es sich so einfach anhört, der irrt im wesentlichen groß.

Fragen Sie sich nur einmal, wie es denn in Ihrem Leben beschaffen sein wird.

Sie folgen, der, ich gebe zu, ganz einfachen Regel Sigmund Freuds, Sie legen sich womöglich heute abend in einem Selbstexperiment auf Ihre Couch. Sie haben vorher geguckt, was Schalke 04 macht, aber dann, danach, angenommen Sie hätten gewonnen und Sie wären hoch zufrieden mit sich, liegen Sie auf Ihrer Couch und stellen mindestens für zehn Minuten einmal Ihren Kassettenrecorder an. Und reden wie Sie sollten, alles, was Ihnen durch die Seele geht, das Peinliche zuerst.

Ich verspreche Ihnen, Sie werden sehr schnell merken, daß Ihre Situation der eines Hasen gleicht, der von einem Hund verfolgt wird. Der Hund hat den Auftrag, unter fünf anderen Hasen den Allerstinkigsten zu fangen. Und kaum glaubt er den zu haben, vermehrt sich der Hase um fünf weitere, und wieder soll davon der am Übelriechenste gefangen werden.

In dieser Weise immer wieder ausgewählt das, was Ihnen am schwersten fällt, sich selber zu sagen, bemerken Sie, daß Ihr Weg hinabführt Stufe um Stufe in einen dunklen Keller.

Und endet an einer Tür, die Sie in den letzten fünf bis zehn Jahren mindestens – vor niemandem geöffnet haben. Vor Ihrer Frau und Ihrem Mann nicht, vor Ihren Kindern nicht, Ihrem Chef nicht, auch Ihrem Beichtvater nicht, vor sich selber nicht, – weil es dahinter spukt.

Sie können sagen Quatsch nun, ganz klar die Psychoanalyse redet ja die Menschen überhaupt erst krank, bisher war ich ein ordentlicher Mann und wußte, wo ich dran war, Schluß, Aus mit dem Experiment. Ordentlich gepennt wird schon gar nach einem solchen Nachmittag, – und wenn Schalke noch verloren hat – Schluß mit dem Experimentieren.

Wenn Sie aber sowieso nachts nicht schlafen können, wenn Ihnen von vielem, an dem Sie hängen, Wesentliches verloren gegangen ist, haben Sie keine Wahl.

Sie müssen ringen um die Wahrheit, die hinter der verschlossenen Kellertüre liegt. Und Sie bemerken plötzlich, daß Sie gar nicht im Stande sind, wahr zu werden. Es sei denn, jemand sitzt vor Ihnen, neben Ihnen, am Kopfende der Couch und versichert Sie durch seine Gegenwart bittend, flehentlich beinah, ihm alles zu sagen. Er wird es ganz sicher nicht zurückweisen. Das ist das Versprechen, das er einlöst durch seine Haltung.

Zum erstenmal dürfen Sie, müssen Sie, all das sagen, was so unsäglich und unsagbar in Ihrer eigenen Biographie sich eingegraben hat. Alles das peinlich Verdrängte, alles vor lauter Angst Liegengelassene, die unheimlichen Seiten Ihrer Person, die Triebregungen und Wünsche, die Sie als unanständig, als unbrauchbar, als kindisch, als unmoralisch weggetan haben, immer im Wahn, darüber hinwegschreiten zu können, selbstbeherrscht, tapfer, gerade.

Aber irgendwann kehrt alles das wieder. Irgendwann meldet es sich in Form von Krankheiten. Irgendwann will Ihre Seele, daß gerade die Schattenanteile des verdrängten Materials zurückgeholt werden ins Licht und integrierbar für Ihre eigene Persönlichkeit sich dienstbar machen dürfen.

Es ist aus dem Munde Jesu eine Ihnen vertraute Forderung, wir sollten Gott anbeten, lieben gar, mit allen unseren Kräften des Gemüts, des Herzens, des Geistes. Aber die wichtigste Voraussetzung wird bei diesem Hauptgebot des Christentums meist unterschlagen, wie wir denn ganze Menschen werden, so daß Denken und Gefühl und Wünschen im Triebbereich eine wirkliche Einheit bilden.

Schauen wir uns vor allem die Moral des christlichen Abendlandes an, ist sie erkauft worden durch eine unglaubliche Reduktion.

Was wir vermeinen von Menschen kennen zu müssen ist das eine Siebtel, das wir mit Bewußtsein, Ich und Freiheit identifizieren.

Die sechs Siebtel des Unbewußten scheinbar brauchen uns überhaupt nichts anzugehen. Wenn nur der Mensch moralisch kontrolliert ist durch seinen Willen, scheint es uns zu genügen. Die Frage, was diese Einseitigkeit mit den Menschen macht, war uns nie ein Problem.

Eben deswegen hat Sigmund Freud gefunden, daß diese Einstellung selber – nennen wir sie die Logozentrik im Umgang mit den Menschen – in sich selber pathogen und neurotisierend wirken müsse.

Wenn vom Menschen nur die Oberfläche überhaupt zugelassen ist als wünschbar, als kultivierbar, und alles andere unter das Diktat der Gebote gestellt werden soll, ist die Integration des Menschen kein Ziel mehr.

Carl-Gustav Jung fragte deswegen die Theologen, was sie wirklich wollen. Ob sie einen bestimmten Tugendperfektionismus wollen oder die Einheit des Menschen, dazwischen müßten sie wählen. Zwischen der Vollständigkeit der menschlichen Psyche oder der Vollkommenheit irgendwelcher fixer Ideale der Normenanpassung, entweder – oder.

Man könnte auch sagen, sie müssen sich entscheiden zwischen dem Unglück und der Krankheit auf der einen Seite und der Erlaubnis zur Reifung und Vermenschlichung andererseits. Die Dinge sind nicht neutral. Wenn Jesus in Mt 7, 1-5, noch sagt „richtet nicht, wertet nicht“, dann fügt er genial auf seine Art noch mit hinzu, „solange ihr das macht, wird es darauf hinauslaufen“ – ich übersetze jetzt in die Sprache der Psychoanalyse – „daß ihr das verdrängte Material eurer Seele just hineinprojiziert in den anderen, da bekämpft ihr den Splitter im Auge, nur um den Balken in euerer eigenen Optik nicht sehen zu müssen. Alles was ihr bei euch selber haßt, ist ja nicht damit erledigt, daß ihr einfach wegschaut. Ihr werdet es mit Sicherheit wiederfinden, gerade in dem, was die anderen tun. Und denen unter die Füße werdet ihr Feuer legen, um sie zu bestrafen.“

Die ganze Logik von Verdrängung und Projektion in zwei Sätzen finden Sie im Munde Jesu. Meisterlich ausgesprochen. Wir aber zensieren uns bis in die Nächte hinein, bis in die Träume hinein. Wir haben in unserer Psyche, psychoanalytisch gesprochen, eine eigene Instanz oder Behörde installiert, auf den Boden des Ichs, des Über-Ichs, eine Mechanik, in der wir das Zensiertwerden aus Kindertagen fortführen und automatisch, bei Tag und bei Nacht, über uns selber ergehen lassen.

Theologisch stehen wir sehr in Gefahr die Gestalten von Vater und Mutter dabei schließlich zu identifizieren mit Gott selber.

Wir nennen am Ende das Über-Ich Gott, und damit den Infantilismus der Kindheit Frömmigkeit oder Tugend oder Glauben. Und hindern die Menschen, aufzuwachsen und mündig zu sein. Erich Fromm meinte dazu, jede Religion, aber insbesondere die Christliche, steht im 20.Jahrhundert vor der Wahl, ob sie weiter autoritär bleiben möchte, oder ob sie es lernt, humanitär zu werden.

Wir könnten auch sagen es ist die Frage, ob wir Religion verstehen als eine fertige Institution, die aus der Tradition dem Machtgefälle von Autorität, von oben nach unten, sich lehramtlich „beglaubigt“ – dann ist sie nichts weiter als gegründet auf Außenlenkung und verinnerlichter Gewalt.

Oder ob wir die Religion verstehen von der Person des Menschen her – dann ist sie situativ, kreativ, personalisierend, Ich-stärkend statt unterdrückend, gebunden an den Raum der Freiheit. Es ist dann die Formel, die Sie in Schiller`s „Don Carlos“ lesen können, als Erzherzog Alba mit spanischen Stiefeln die Niederlande erobert und fragt, was er tun solle, wird ihm zur Antwort gegeben, „Geben sie Gedankenfreiheit, Sire“.

Immer wenn ordentlich ausgesprochen dieser Satz auf deutschen Bühnen ertönt, findet er Szenenbeifall.

Man möchte hoffen, daß er irgendwann, zum Beispiel im Vatikan, auch hörbar würde mit Szenenapplaus. Wir hätten im Kern ein wesentliches Stück der Botschaft Jesu zurückgewonnen. Wir müßten nicht immer uns die Frömmigkeit zu Gott im Kampf gegen uns selber erkaufen. Denn das ist, gerade mit dem Blick auf Jesu, unbedingt zu lernen, daß für den Mann aus Nazareth allein schon die Gegenüberstellung und Entgegensetzung von Gott und Mensch auseinanderreißt, was zusammengehört.

Ganz im Gegenteil meint Jesu, je menschlicher desto näher zu Gott. Und von Gott zu reden geht überhaupt nicht anders als daß es erkennbar Menschen helfend und heilend entgegentritt.

Das ist das Zentrum, warum die Botschaft Jesu der therapeutischen Dimension nicht entraten kann noch darf.
Vielleicht werden Sie bis dahin sagen, aber es ist doch bei aller Freundlichkeit, mit der wir uns das anhören, der Zweifel noch nicht ausgerottet, ob jetzt neu der Mensch unmündig gemacht wird.

Hieß es nicht eben noch, diese Logozentrik im Raum der Anthropologie überbewerte die Freiheit des Menschen. Dann müßte man also denken, der Mensch ist unfrei. Welch ein Bild wird denn da vom Menschen gemalt. Wie niederdrückend und depressiv wird denn dem Menschen jetzt nicht einmal im Umgang mit sich selber Autonomie zugetraut. Folgt man da nicht im Grunde doch dem mechanistischen, deterministischen Weltbild des Sigmund Freuds? Wird da nicht aus der Psychoanalyse ein neues Dogma?

Wir könnten auf diese Weise munter fort argumentieren und debattieren. Es läßt sich aber leicht zeigen, was zur Debatte steht.

Ich behaupte einfach, daß viel wichtiger als noch so schöne Gedanken über Gott, die Menschheit und die Welt Gefühle sind, die in Ihrem Herzen spielen. Und daß es jedenfalls, wenn Sie Menschen gut sein wollen, auf die Gefühle viel mehr ankommt als auf die neunmalklugen Gedanken. Wieder können Sie jetzt sagen, das haben wir vermutet, es geht doch um eine übertreibende Emotionalisierung aller Lebensbeziehungen, es geht um Irrationalismus, dachten wir`s uns.

Es geht überhaupt nicht um ein neues Dogma, es geht einfach um Erfahrungstatsachen, die wir nicht wegdisputieren können, die Bedeutung von Gefühlen. Ich schildere sie ganz simpel:

Nehmen wir einmal an, Sie hatten mit irgendeinem bestimmten Mitmenschen vor 20 Jahren – grob gerechnet – einen heftigen Disput, ein Ärger, der nicht zu lösen war. Er stand im Raum und blieb dort stehen. Ich schätze mal, daß – fromme Menschen wie Sie sind – jeden Sonntag mindestens 20 Minuten Ihnen eingepredigt wurde wie Gott der Herr in der Person Jesu uns gelehrt hat, den Bösewichtern zu vergeben. Und daß Sie sich bemüht haben, solches zu tun.

Rechnen wir nur mal, 20mal mindest fünfzig, das gibt eine erkleckliche Zahl, wie oft Sie die Messe am Sonntag besucht haben und solcher Predigten inne wurden. Nehmen wir auch an, daß Sie morgen früh in irgendeiner Passage in Furth im Wald, da, wo der Drachen Feuer speit, ausgerechnet der Person begegnen, von der im Unfrieden Sie damals geschieden sind.

Dann verspreche ich Ihnen, es wird durch Ihren Körper der selbe Adrenalinstoß jagen wie damals. Ihre Pupillen werden sich weiten, Ihre Haare sich erhöhen, Sie werden in Angriff oder Flucht irgendwie versuchen zu reagieren, und alle guten Vorsätze sind wie weggewischt. So stark sind Gefühle, die Sie nicht durchgearbeitet haben. Wofür also, wenn Sie Menschen helfen wollen, müssen Sie sich kümmern, wenn nicht um Gefühle?

Wem das Beispiel noch nicht langt, dem gebe ich schnell ein anderes. Setzen wir einmal, wo von Pythagoras die Rede war, Sie hätten noch in Erinnerung, wie Sie an der Tafel stehend in Mathematik die Abiturprüfung mündlich zu überstehen hatten, welche Kurven Sie da diskutierten. Ich schätze, daß Sie mindestens ein halbes bis ein dreiviertel Jahr lang Kurven diskutiert haben und daß das, was Differentialrechnung ist, rein logisch, sich in fünf Minuten erklären läßt.

Sie haben mindestens 100 bis 150 Aufgaben in die Länge und Breite geübt, damit Sie richtig auf das Abitur vorbereitet waren. Es hat nicht gefehlt an rationaler Erkenntnis sogar an mechanischer Übung sogar an Prüfungsreife über lange Zeit hin.

Dennoch tue ich, glaube ich, niemanden eine Schande an, wenn ich sage, daß, schätzen wir, die Abiturprüfung sei 20 Jahre her und Sie hätten nicht inzwischen irgendwie durch Nachhilfe oder eigenes Interesse Grund gefunden, sich wieder für Kurvendiskussion und Integral- und Differentialrechnung zu interessieren, Sie keine Ahnung hätten, was Sie damals an der Tafel bewerkstelligt haben. Nicht die geringste mehr, es wäre vollkommen weg aus Ihren grauen Zellen.

Hingegen das Gefühl, das Sie hatten, als der Lehrer begann, seine Stirn zu runzeln und Sie ahnten, die Sache könnte übel enden, oder der Triumph, wie Sie doch die Aufgabe bewerkstelligten, kann Sie heute noch nachts in irgendeinem Traum trösten oder erschrecken, je nachdem.

Diese Gefühle sind heute noch mächtig, unverändert, so stark graben sie sich ein. Denn sie haben zu tun mit den sechs Siebteln, die tief sind in unserer Seele.

Sagen wir medizinisch, sie sind verankert im limbischen System, das um Jahrhunderte von Millionen Jahren älter ist als das, was wir in unserem Gehirn als Orte von Vernunft und Verstand bezeichnen. Allein die Dimension der Geschichte des Lebens auf diesem Planeten zeigt, daß wir an Stellen erkranken oder gesunden, die weit tiefer liegen als das, was wir rational glauben bewältigen zu können. Dann aber muß ich dabei sagen, daß wir gerade die christliche Lehre, die Sie alle mal gelernt haben unter dem Stichwort „Erbsünde“, nicht länger sollten übersetzen müssen als einen Vorwurf gegen die Menschen, sondern als ein Instrument zu verstehen.

Dann hätten Sie allerdings im Sinne Martin Luthers Grund, gegen den Humanisten Erasmus, darüber nachzusinnen, wie unfrei unser freier Wille ist.

Ich geb auch dafür, statt einer langen Grundsatzdiskussion, ein einfaches Beispiel Ihnen zur Einfühlung oder Mitfühlung.

Von etwa 300.000 Ehen, die jedes Jahr in der Bundesrepublik Deutschland geschlossen werden, werden ein Drittel, über 100.000, wieder geschieden. Für die Moraltheologie speziell der römischen Kirche nicht ein solches Problem, denn eine Ehe, die geschlossen ist in Freiheit, selbstverständlich, vor dem Pfarrer und zwei Zeugen, ist unauflöslich als Sakrament. Ein großes Problem, was nun aus einer Frau wird, die als Geschiedene sich wiederverheiraten möchte, sie darf das eigentlich nur, wenn der Mann aus erster Ehe gestorben ist.

Aber sagen Sie selbst, soll sie die christliche Hoffnung auf den baldigen Tod Ihres Exmannes setzen? Eine Zumutung auch, so kann die Lösung nicht sein. Wenn wir vom Menschen wirklich nur das eine Siebtel von Verstand und Moral in Anschlag bringen, setzen wir uns strukturell außerstande, auch nur ein solches Problem wie die Tragödie zweier Menschen in einer Ehe zu begreifen.

Wir moralisieren das, was als ein Prozeß im Unbewußten störend oder beseligend wirken kann. Ich behaupte einmal, daß es niemanden gibt, der, wenn er im Alter von 25 oder 30 Jahren einer Frau, einem Mann Treue auf immer verspricht, in diesem Punkte leichtfertig reden würde. Wer im Umgang mit der Liebe das Zeug zum Zyniker hat, ist seelisch krank, sage ich, und bedarf ganz sicher nicht noch einer strengeren moralischen Belehrung.

Jeder, der den anderen wirklich lieb hat, wünscht sich seine Gemeinsamkeit und seine Nähe bis daß der Tod, bitter genug, die Liebenden voneinander trennen würde.

Und doch zeigt sich, offensichtlich für jeden dritten, daß das Versprechen, so gutwillig auch immer gegeben, sich kaum halten läßt. Schuld da dran, würde jeder Eheberater sagen, ist ganz sicher nicht der mangelnde gute Vorsatz.

Wohl aber Prozesse, die wir verbinden mit Übertragung, mit Wiederholungszwängen, die tief im Unbewußten liegen. Das Problem oder die Chance jeder tiefen Liebe liegt darin, daß wir im anderen auch noch die Mutter und den Vater wiederfinden. Die Liebe nimmt uns bei der Hand und führt uns zurück in Kindertage. Alles ist uns der andere noch einmal ehe er uns Mann wird oder Frau.

Wem das „Wieder“ jetzt nicht einleuchtet, dem sage ich es am simplen Beispiel.

Sie müssen sich nur anhören, wie die Verliebten miteinander reden. Für die Ohren keines Außenstehenden bestimmt, reden Sie die Kindersprache. Die Tage noch hörte ich`s, eine Frau redete zu ihrem Mann, der mir selber erschien wie ein teutonischer Kleiderschrank vom Format, als „mein Männchen“, und wollte sagen, ich möchte im Grunde dir nur gut sein, dich streicheln wie eine Mutter ihr Kind, du mein lieber Junge.

Und welcher Mann hätte seine Frau, Emanzipation hin oder her, nicht schon mal angeredet als „mein Baby“ und „mein Schnuckelchen“ und „Häschen“ und was auch immer. Tiernamen werden da gebraucht, „mein Tiger“ oder „mein Hirsch“.

Erst in Stunden der Verzweiflung schließlich wird die Frau ihn auch noch nennen „meinen Wanderfalken“, aber dann geht`s ganz auf`s Ende.

Um schnell zum Ernst der Dinge zurückzukommen, muß ich sagen, daß es in diesen Übertragungen liegt, die natürlich mit dem Suchen nach einer Geborgenheit wie sie seit Kindertagen nicht war, sich ausstreckt auch nach all dem, was seinerzeit fehlte, unterdrückt wurde, verboten wurde.

In dem anderen möchte man, daß noch einmal das ganze Leben zusammenkommt, heil wird, ganz wird. Aber die Gefahr ist sehr groß, daß alles Unheile, Verbotene und Unheilige zerstörend eindringt in diesen Versuch.

Freud war sich um 1900 schon der Macht der Liebe so sicher, daß er erklärte, die Schicksalsfrage des 20. Jahrhunderts für jeden einzelnen würde lauten „wie er einen Menschen findet, den er lieben kann“ – nicht mehr, nicht weniger. Und dann noch, wie er eine Arbeit findet, die einigermaßen sinnvoll ist. Aber das möge uns Herr Waigel und Herr Kohl beantworten.

Wenn wir wenigstens seelisch miteinander so umgehen könnten, daß es zusammenführt statt alte Zerrissenheit zu bestätigen. Sie merken plötzlich, daß, wenn wir von Gnade reden oder Akzeptation, es überhaupt darauf hinausläuft, einen Menschen zu umfangen mit den Augen der Liebe.

Das, was wir Gott nennen, ist im christlichen Verständnis nichts anderes als die Liebe selbst.

Sie schauen sich um, und Sie entdecken, daß jeder Mensch keinen Grund hat, warum es ihn gibt, mehr oder minder zufällig ein jeder. Aber beginnen Sie irgendein Lebewesen, wenn ein Tier auch nur, geschweige einen Menschen, in Ihr Herz zu schließen, fangen Sie an zu verstehen, warum es ihn geben muß, Sie sinken immer tiefer in den Mittelpunkt der Welt und stoßen auf die Kraft, die Ihnen erklärt, warum das alles sein soll – die Liebe selber.

„Wenn ich irgendeinem Menschen je hab helfen können“, soll Sigmund Freud in einem Tischgespräch gegen Ende seines Lebens gesagt haben, „dann hab ich ihn geliebt“.

Wir lernen nicht eine neue Kunstform, wir bilden Sie nicht heute nachmittag aus zu Psychoanalytikern, aber Sie lernen etwas ganz entscheidendes.

Menschen in seelischen Problemen zu helfen, vermögen Sie einzig, wenn Sie die Ebene der Moral schleunigst verlassen und sich kümmern um die Gefühle, die im Herzen der Menschen verwirrend, störend, führend, leitend tätig sind.

Und nehmen sie so wie sie sind, verstehen sie aus den Zusammenhängen heraus, die einmal bestanden haben. Nur das ist die Schwierigkeit. Jedes Schulkind heute lernt, daß man historisch denken muß, um die Wirklichkeit zu begreifen. Aber wir sind, mindestens im Kircheninnenraum, noch lange nicht darauf vorbereitet, daß wir das historische Denken auf jeden einzelnen übertragen müssen, wenn wir ihm helfen wollen.
Aus Bergkamen kommend hab ich Grund den Bergbau zu loben als Modell für das, was ich sagen möchte. Sie denken, hier ist die eine Schachtanlage und da die andere, und Sie können am Tage von A nach B geradlinig gehen. Aber das ist nicht der Weg der Kumpels, so machen sie keine Kohle, sondern, wenn sie was nützliches aus der Erde holen wollen, geht es 700 Meter runter auf die sechste Sohle.

Dann wird der ganze Streben abgebaut, die ganze Flözlage und dann wieder, am Ende, über den Schacht zu Tage gefahren. U-förmig also müssen Sie verfahren.

Sie haben in der Gegenwart unklare Ängste, Verwicklungen von Beziehungen, Mißverständnisse am laufenden Band, und Sie können in moralischer Absicht gleich frontal draufgehen: mit Kindern darf man nicht schimpfen, mit der Frau darf man nicht so umgehen, wie ein Mann sich manchmal einbildet, Macho der er ist, aber auch eine Frau, – so darf man einfach nicht mit einem Mann, dem man liebt, verfahren, man darf ihm nicht die Treue brechen zum Beispiel, nicht fremdgehen und so weiter und so weiter.

Auf diese Weise helfen Sie in keinem Punkte, Sie bekommen nie die Kohle, die nötig ist, damit es in irgendeinem Ofen wärmer wird. Wenn Sie aber denken, das gegenwärtige Problem ist lediglich das Einstiegsloch in die fossilen Reste von Leben, die es einmal gab, eh Sie zusammengedrückt wurden zur Steinkohle, und Sie müssen mit dem Preßlufthammer ran, das alles abzuarbeiten, um sie wieder zu Tage zu bringen, dann haben Sie ungefähr eine Vorstellung davon, was Psychoanalyse will. Hier ist ein Problem, rational nicht verstehbar. Eben noch war diese Frau sehr lustig mit ihrem Mann und plötzlich schreckt sie ein und weiß nicht weshalb. Es geht nicht anders, Sie müssen die letzten 30, 40 Jahre zurückfahren in die Kindheit, was da gespielt hat.

Ein einfaches Beispiel: eine Frau erzählt, „ich weiß nicht was war. Mein Mann, nur einfach um zärtlich zu sein, kommt und streichelt mich über den Rücken. Plötzlich erschrecke ich, es ist alles zu Ende, ich will ihn nicht mehr, ich hasse ihn“. Der Mann versteht es nicht, fühlt sich beleidigt, zurückgestoßen, die Frau hat ihn nicht lieb, sie ist zickig; man weiß es gar nicht. Die Frau versteht es auch nicht, kann`s nicht erklären.

Es ist nur ein simples Beispiel, um anzudeuten, Sie werden, was sich da momentan begibt, nur begreifen, wenn Sie sich fragen, was ist mit dem Rücken dieser Frau gemacht worden.

Eine Erklärung in diesem Fall, den ich jetzt vor Augen habe, war, wie oft die Mutter sie geschlagen hat. Den Rücken zu berühren auch nur, war für sie soviel wie geprügelt zu werden. „Nackt das Kleid runter und drauf“ – da genügt die Bettdecke zu heben und streicheln zu wollen, um Panik auszulösen.

Und dann ein Stück tiefer, kam es noch viel viel schlimmer: Mißbrauch durch den Pastor am Ort. Bis wir da hin kamen, haben wir Jahre gebraucht, vier Jahre, fünf Jahre. Und was wir dann sahen hatte mit dem Thema scheinbar überhaupt nichts zu tun.

Es war, wie wenn eine Bombe eingeschlagen hätte und man hätte nur noch ein paar Trümmerstücke weit umher geflogen. Ein Gang durch den U-Bahn-Schacht zum Beispiel. Plötzlich Panik, wieder unbegreifbar. – Aber sie mußte durch eine bestimmte Unterführung, um zum Pfarrhaus zu kommen mit zehn Jahren.

An solchen Erinnerungen kranken Menschen, scheitern Menschen. Drum wurde für Freud die Technik der freien Assoziation so wichtig. Sie war zur Erlaubnisregel und zum bedingungslosen Verstehen geworden, eines der wichtigsten Hilfsmittel.

Bedeutung von Bildern und Symbolen

Ich komme zu einem zweiten Punkt, den ich Ihnen versprach und ihn kann ich in gewissem Sinne für gut katholisch erklären. Das ist die Wichtigkeit von Bildern und Symbolen.

Es kann so nicht sein, wie im protestantischen Raum manche Theologen die Botschaft Jesu auslegen, streng prophetisch nennen sie es, so daß alles, was an Kirchenwänden hängt im Grunde, calvinistisch betrachtet, der blanke Überfluß oder die Gotteslästerung sei oder wäre.

Ganz im Gegenteil.

Die Entdeckung Freud`s wiederum ist, daß wir Menschen nur verstehen können, wenn wir uns für die Poesie ihrer Psyche in der Welt ihrer Träume interessieren. Gleich an dieser Stelle höre ich den Einwand vieler Kollegen, die sagen, Drewermann macht die Bibel zum Traumbuch oder zum Märchenbuch, „und überhaupt wird dann nur geträumt“, sagt der Bischof von Fulda, Dyba. Er ahnt nicht einmal das wirkliche Problem oder den Nutzen der Betrachtung, die wir jetzt anstellen.

Es ist einfach so, will ich sagen , daß uns die Träume aus den tiefen Schichten der Psyche bei der Hand nehmen können, um uns zu sagen, wo wir heute stehen. Gesetzt, Sie hätten die Traumfragmente der heutigen Nacht so gut behalten, daß Sie sie morgen früh mit einem Analytiker oder einem guten Freund durchsprechen könnten, würden Sie erstaunt sein, wie Ihnen ein Traum sagen kann, an welchen Konflikten Sie heute leiden.

Mehr noch, wie die Prägekräfte seit Kindertagen waren, die Ihre Persönlichkeit so geformt haben, daß Sie diese Schwierigkeiten förmlich haben müssen. Und worin die Ansätze einer Lösung zu liegen scheinen.

Ein Traum, mit einem Wort, enthält die Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft, die Diagnose, Anamnese und Prognose. Ihr ganzes Leben. Wieder werden Sie sagen, das ist zuviel versprochen, das ist eine Übertreibung. Darum gebe ich schnell ein Beispiel. Natürlich sind nicht alle Träume tief und groß, aber manche ja! Kann auch sein, daß viele seit Monaten keinen Traum mehr zu erinnern wissen. Dennoch lohnt es sich, diese Schicht Ihrer Seele mit Aufmerksamkeit zu betrachten.

Eine Frau, die Monate zu mir kam, stellte mich vor die Frage, was ich eigentlich für sie tun soll. Sie versicherte mir, daß sie gut verheiratet ist, daß ihre Kinder wohl erzogen sind, ihr Mann im Kirchenvorstand ist, im übrigen eine sehr angesehene Persönlichkeit in der Stadt. Kurz, es wollte mich Wunder nehmen, warum sie über 100te von Kilometern Wegs auf sich nimmt, um mich zu besuchen.

Irgendwann, weil es der Auftrag war, erzählt sie einen Traum, nämlich den folgenden: Sie sieht sich in einem Museum in Rom und dort an der Wand ein etruskisches Fresko. Man sieht dort eine bestimmte Frau. Wenig später dann, gegenüber in einem Lokal, eine Art Hochzeit. Die selbe Frau auf dem etruskischen Fresko ist dort mit einem Brautschleier. „Dann“, sagt sie, „seh ich mich selber im Bett liegend bei der Geburt eines Kindes. Ich bin fast dabei zu verbluten. Am Bettrand steht eine Ordensschwester, die den Dienst einer Hebamme verrichtet. Die Bettlaken werden blutig bis zu den Enden.“

Und plötzlich fängt die Frau an, zu weinen und sagt, „das ist mein ganzes Leben“.

Von dem Traum an begann die wirkliche Arbeit. Um ein Stenogramm der Deutung zu geben, müßte sie etwa sagen, „wenn sie mich verstehen wollen, dann müssen sie sich denken, daß es eine eigentliche Kindheit gar nicht gab. Sie haben in mir eine Seele vor sich, die stammt von einer völlig fremden Zeit, einer fernen Kultur, die überlagert wurde vom Auswurf des Vesuvs von meterhoher Lava. Es gab in mir einmal so etwas wie eine etruskische Prinzessin. Meine Mutter hatte mich lieb, und wenn ich ihren Worten hätte glauben sollen, war ich bestimmt zu etwas ganz besonderem. Aber in Wirklichkeit war ich erstickt schon als Kind. Es gab eine einzige Chance, daß ich nochmal dachte, die Prinzessin dürfte leben. Das war, als ich mit 17 Jahren heiraten sollte. Heiraten mußte.“

(Ich muß in Klammern hinzufügen, die Frau war und ist sehr sehr schön.) Ihre Mutter hatte Angst um sie, und sie wollte fast paulinisch sie im Hafen der Ehe gesichert sehen, als Flucht vor der bösen Begehrlichkeit; nichts mehr sollte und konnte passieren von ihrer Ehe an.

Aber in der Ehe hatte sie ihre Pflicht zu tun. Alles Verbotene, die Sünde von früher, war nunmehr die Treue zu ihrem Mann. Und sie mußte offen sein für die Fruchtbarkeit. Sie bekam ein Kind nach dem anderen. Jetzt bricht es aus der Frau heraus: das Älteste der Kinder ist gerade in der Psychiatrie nach einem Selbstmordversuch. Es kann überhaupt keine Rede davon sein, daß die Kinder sorglos aufwachsen würden. Die Wahrheit ist, sie hat ihre Pflichten getan, zwanzig Jahre lang bis zum „Kotzen“, ganz wörtlich. Sie hat nie irgendein Gefühl gehabt als Frau, sie hat ihrem Mann einen Orgasmus nach dem anderen vorgeheuchelt und -gespielt, und sich dann übergeben überm Waschbecken.

Und der Mann hat nie ein Wort davon erfahren.

Die Wahrheit ist, sie kommt seit über einem halben Jahr in die Psychotherapie, weil sie in irgendeinem Kurort einen Mann kennengelernt hat. Jetzt, zum ersten Mal, fühlt sie so etwas wie Liebe. Und sie sagt, „die ganze Schuld ist, daß ich alles getan habe, wie es richtig sein sollte, drum hab ich jetzt den Kuddelmuddel.“

Ich gebe Ihnen das Beispiel, um Sie nochmal aufzufordern, sich zu fragen, wie Sie Probleme dieser Art mit Verstärkung von Moral lösen wollen!

Ob diese Frau sich soll von ihrem Mann scheiden lassen oder nicht, ob sie je wieder einen Funken Liebe für ihn empfindet nach dieser überanstrengten Treue von mehr als zwei Jahrzehnten. Wer will denn das von außen sagen. Sie hat moralisch wirklich nie etwas falsch gemacht, ihr ganzes Leben ist eine einzige Abarbeitung von ganzen kirchlichen Lehrsätzen.

Aber es ist kein Leben.

Und jetzt, wo es beginnt, ist es außerhalb der Ordnung. Und wieder wird die Kirche sagen, „es ist schwere Sünde,Todsünde, du mußt bereuen, du mußt beichten, du mußt dich bessern.“

Aber das kann sie gar nicht, darf sie gar nicht, wenn sie irgendetwas finden will von sich. Die erste Frage ist, wer bin ich denn jetzt selber nach all dem. Und wie leb ich so, daß es mindestens meine Kinder nicht auch noch kaputt macht. So tief geht es, wenn Sie beginnen, sich zu interessieren für die Wahrheit hinter der verschlossenen Kellertür.

Und diese Macht jetzt haben Bilder. Eben deswegen, behaupte ich, daß Jesus redete in Gleichnissen. In dem Buch Jesus von Nazareth finden Sie ein langes Kapitel über die Einheit von Kunst, Literatur, wenn Sie so wollen, Dichtung und Religion.

Sigmund Freud hat ja nicht das Träumen wiederentdeckt im Sinne der Asklepiosreligion. Er wollte uns auffordern, in gewissem Sinne poetischere Menschen zu werden. Das ist Teil einer Kulturreform oder -revolution im 20. Jahrhundert.

Es kann nicht mehr länger dabei bleiben, daß wir Menschen haben, die man flach schleift auf die Zweidimensionalität, wie zwei mal zwei vier ist, und alles weitere gilt nicht. Ich seh vor allem, daß es die Frauen zerstört, so mit Menschen umzugehen.

Vor Jahren erklärte mir eine Frau, „ich weiß nicht, was passiert ist, ich ging mit meinem Mann auf die Straße und ich sagte ihm, die Schneeglöckchen sind traurig. Und dann sagte er, was du schon wieder hast, die wachsen da. Und dann gab es Streit.“

Wenige Wochen danach kam die Frau in die Psychiatrie. Sie hatte, vielleicht ein letztes Mal, versucht zu sagen, was sie fühlt.

Sie hatte nie gelernt, als Kind niemals und später auch nicht, Gefühlen Worte zu schenken. Aber jetzt verdichtet sich ihr eigenes Empfinden projektiv in den Schneeglöckchen. Sie will sagen, „ich selber bin so. Könnte aufblühen in eine wärmere Welt hinein, so klein auch immer, so doch voller Hoffnung und Schönheit. Aber es kann nicht gehen, weil es über mir liegt, zentimeterhoch wie gefrorener Schnee, wie verharschte Tränen. Und die Schuld all dieser Kälte trägst du, mein Mann, der kein einziges Wort versteht von dem, was ich sagen möchte.“

Dieser Mann, ein guter, unbescholtener Bürger, merkt überhaupt nicht, daß er mit seiner Reaktion genau das bestätigt, was die Frau gerade sagt. „Die wachsen da“ heißt, „Schneeglöckchen können nicht traurig sein, rede nicht solch einen Unsinn.“

Die Dichtersprache buchstäblich zu verbieten, läuft darauf hinaus, Menschen so zu zerreißen, daß wir sie wiederfinden am Ende auf der psychiatrischen Station, ohnmächtig, irgendetwas noch von sich selber zu begreifen.

Verstehen Sie, warum es Jesus so wichtig wird, die Sprache der Dichter statt der Theologen zu reden. Nehmen wir das ganze Desaster des christlichen Abendlandes nur einmal an diesem kleinen Punkt, nehmen wir die Diskussion zwischen Martin Luther, 1518, und Kardinal Cajetan.

Da ging`s um Gnadenlehre.

Es ging um das deutliche Gefühl des Augustinermönchs, daß man Menschen mit Angst ganz sicher nur noch weiter in die Hölle treibt, wenn man wieder ihnen sagt, wie sie die Ordnung leben müssen. Welche Gebetsreden sie pflegen müssen, welche Formeln sie studieren müssen, daran werden sie immer weiter krank statt daß dies ihnen Hilfe würde. Der Durchbruch Luthers war, endlich glauben zu können, daß Gott den Menschen liebt ohne jede Voraussetzung. Das war eine, am Rand der Krankheit, unbedingt notwendige Erfahrung, die er der ganzen Menschheit weitersagen mußte und wollte.

Im Sinne Jesu, ohne Frage!

Das Gespräch mit Kajethan ging um solche Probleme. Aber es wurde geführt entlang der Kirchendogmatik. Wie es sich verhält mit der Richtigkeit von Konsilien, wie es sich verhält mit der Gnade und göttlichen Vorsehung auf der einen Seite und der menschlichen Freiheit und Sündbarkeit auf der anderen Seite.

Das Gespräch endete, indem Kardinal Cajetan feststellte, „ich mag diese deutsche Bestie nicht, sie hat so tiefliegende Augen“.

Das war das wirkliche Gefühl. Bestimmt von Verachtung und Haß. Aber der Kirchenfürst dachte, er versteht einen Menschen.

Er kann mindestens diesem Menschen Gott predigen und ihm Lehre und Wahrheit vorstellen, selbst wenn er in ihm nichts weiter sieht als eine Bestie mit tiefliegenden Augen.

Um die Gefühle, um die Angst weder in der eigenen noch in der anderen Seele, brauchte diese Theologie sich irgendwie zu kümmern.

Das ist der Grund für die Glaubensspaltung bis heute! Weil Gefühle und Erfahrung wegrationalisiert werden. Und es ist der Grund für den Wahnsinn im Umgang miteinander.

Schauen Sie sich an, warum Jesus es strikt vermieden hat, die Sprache der Theologen seiner Tage zu reden. Was für eine ungeheuere Befreiung darin liegt, endlich von Gott in den Worten der Dichtung etwas zu vernehmen, liegt Ihnen auf der Hand.

Stellen Sie sich einmal vor, wir würden über Gott sprechen in der Musik von Mozart und von Beethoven oder in den Bildern von van Gogh, einem Mann, der am Rande des Wahnsinns, Trost findet in einem Apfel auf dem Tisch oder in der Musterung der Rinde eines Baums.

Es wär doch unmöglich, im Namen von Mozart oder van Gogh Kriege zu führen um den rechten Glauben. Wir wüßten plötzlich, daß es etwas im Menschen zu fühlen, zu sehen, zu singen gibt, das in jedem lebt, einfach weil er ein Mensch ist. Es ist nicht möglich mit Goethe Krieg zu führen gegen Shakespeare oder Emile Zola oder gegen Dostojewskij. Die alle gehören doch zusammen, einfach weil sie etwas Gültiges vom Menschen sagen. Da ist die Sprache der Dichtung selber, der Gleichnisse Jesu international. Man kann und darf sie nicht in Dogmen gießen.

Alles, was wir theologisch festsetzen und wissen, macht starr und eng, und ist das Gegenteil von Therapie. Darum ist es so wichtig, daß wir es uns abgewöhnen, wollten wir wirklich heilen.
Fragen wir uns, wie sieht denn das im Leben Jesu nun praktisch aus, was folgt konkret in der Art, wie Jesus handelt, muß ich noch hinweisen auf ein Moment biblischer Erzählung, das ein Problem darstellt in historischer Absicht, jetzt aber schon eine Lösung bietet in psychoanalytischer Sicht. Das Problem beim Bibellesen ist ganz oft, daß nicht die nebensächlichen, sondern die zentralen Stellen im Alten wie im Neuen Testament keine oder nur ganz wenige historische Informationen bieten. Stattdessen aber gattungsgeschichtlich betrachtet werden müssen als Mythen, Legenden, Sagen, Märchenmotive enthaltend, Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, – an all den Stellen berühren sie im Neuen Testament nicht Historie, sondern Verdichtung von Erfahrungen der Menschen mit der Person Jesu.

Und entsprechend jetzt ist die Frage, was halten wir für wirklich.

Wenn wir sagen, in der Bibel wird historisch dies und das nicht berichtet, macht der Pastor auf der Kanzel, wenn er so sprechen wollte, gleich Verdacht, er rede von etwas, das ja nur fantastisch, nur eingebildet, rein subjektiv ist, also nicht wirklich.

Wenn Sie dem Gedanken bis jetzt gefolgt sind, verstehen Sie, daß ein Traum in der vergangenen Nacht viel wirklicher sein kann als jede äußere Information. Der Traum, den ich eben von dieser Frau erzählte, entscheidet wirklich über Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit. Er ist ungemein viel wirklicher als alles, was sie im Bewußtsein informativ mitzuteilen verstünde.

Worum also muß man sich bekümmern, um welche Ebene von Wirklichkeit? Die draußen ist ziemlich gleichgültig und für die Religion fast belanglos, die drinnen aber, die Erlebniswirklichkeit der menschlichen Seele, ganz entscheidend und sie vermittelt sich in Bildern.

Eben deswegen kann uns die Psychoanalyse dabei helfen, die Bibel tiefer zu verstehen und auch den garstigen Graben zwischen dem Christus der Verkündigung und dem historischen Jesus, den Lessing bereits vor 200 Jahren vor sich sah, endlich zu überbrücken.

Um für all dies nun eine Art zusammenfassendes Beispiel zu geben, genügt es, wenn wir im achten Kapitel des Markus Evangeliums uns einmal ansehen, wie der Legende nach Jesus geheilt haben soll.

Der Legende nach, weil die Geschichte, die ich jetzt erzähle, mit aller Sicherheit in Bethsaida sich nicht zugetragen haben kann, wie sie biblischer Berichterstattung nach aber sich zugetragen haben soll.

Und wie nun Geschichten, die den Glauben begründen sollen, historisch aber nicht glaubwürdig sind, verstanden werden sollen, das ist ein Problem, an dem die
Theologen immer wieder scheitern, indem sie wider alles besseren Wissens fast zum Aberglauben nötigen, das hat dann wahr zu sein, auch äußerlich eben, was die Bibel schreibt. Aber sie verpassen dabei, was wahr wird im menschlichen Herzen. Was in Bildern lebt.

Im achten Kapitel des Markus-Evangeliums wird erzählt, daß die Leute mit einem Mann zu Jesus kamen, der blind war. Und Jesus nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus, hinaus aus dem Dorf. Dann spuckte er ihm auf die Augen, und fragte ihn, ob du schon was siehst. Und der Blinde sagte, „ich sehe Menschen denn wie Bäume, Umhergehende sehe ich.“ Da legte ihm Jesus abermals die Hände auf, und da sah er ganz klar bis ins Weite hin. Und Jesus sprach zu ihm, „nur nicht ins Dorf hinein gehst du“.

Soweit die kurze Geschichte.

Sie hat, sag ich dabei, viele Ähnlichkeiten zu Überlieferungen im Asklepioskult und auch zum römischen Kaiserkult, sie ist mit aller Sicherheit entstanden nicht in Palästina sondern im Hellenismus. Und ist dann später, in Konkurrenz zu Wunderheilern, dort auf Jesus übertragen worden.

Was aber lernen wir aus solchen Bildern? Und wie verstehen wir sie? Ich möchte, daß Sie, als Technik sozusagen wie man Wundererzählungen im Neuen Testament lesen kann, sich eine einfache Regel zugute halten. Nämlich, daß wie in Traumbildern einzelne Momente lange Phasen der Entwicklung wiedergeben können. So hier.

Alles, was erzählt wird, scheint in Sekunden- und Minutenschnelle zu spielen, ist aber symbolisch betrachtet außerordentlich wichtig, weil es ein Teilschritt in einem langdauernden Prozeß darstellt. Beginnen wir gleich mit dem Anfang.

Wie würden Sie sich deutlich machen, daß ein Mensch blind sein kann? Setzen Sie dabei die Hauptkrankheit, noch heute im Nahen Osten, die Blindheit verursacht, das Trachomaleiden, behaupte ich, daß eine solche Krankheit seelischer Behandlung völlig unzugänglich ist. Also nicht taugt für Wundererzählungen im Neuen Testament.

Fügen wir gleich ein, unter Wundern im Neuen Testament kann oder wird nur das berichtet werden, was Sie im engen Umkreis der Konversionshysterie antreffen. Ein schwieriges Wort, aber recht einfach zu erläutern: seelisch wird etwas verdrängt und es somatisiert sich dann, es konvertiert, verkehrt sich ins körperliche. „Verkehrt sich da hinein“, sollte der freudianische Ausdruck besagen.

Ganz einfach, Verdrängung bedeutet, daß vom Bewußtsein entweder etwas, vor allem in der Motorik und Sensorik, der Steuerung entzogen wird oder aber einer Steuerung unterzogen wird, die Sie im Bewußtsein nicht kontrollieren können.

Plötzlich machen Sie Bewegungen, die Sie gar nicht gewollt haben, oder Sie sind nicht im Stande, Ihre Gliedmaßen so zu bewegen, wie Sie es beabsichtigten, und genauso jetzt das Hören, das Sehen, das Sprechen, das Laufen. Und eben das ist das Terrain der klassischen Wunderheilungen im Neuen Testament. Hier also Blindheit.

Wie verstehen wir sie seelisch? Ein einfaches Beispiel ist, stellen Sie sich vor, Sie leiden unter Depressionen, sodaß Sie morgens beim Aufstehen es wie bleischwer in den Gliedern liegen haben,

Sie möchten am liebsten die Welt gar nicht mehr betrachten. Dann kann es sein, daß jetzt im Sommerlicht Sie am liebsten abdunkeln, einfach weil Ihre Augen die Helligkeit kaum vertragen. Blindheit, das kann bedeuten, daß Sie die Welt draußen nicht mehr sehen möchten.

Medizinisch spricht man im Umfeld der Depression von lethalen Mechanismen.

Bei einem Bombenangriff in Bergkamen 1944 erlebte ich, als die Decke im sogenannten Waldstollen erschütterte unter zwei Einschlägen, wie die Leute anfingen zu kreischen, in Panik gerieten.

Als der Spuk vorüber war, lag da eine Frau wie schlafend. Und ich weiß noch, wie Leute darüber lachten und sagten, die muß Nerven haben. Ich weiß es heute sehr viel besser, diese Frau hat den Bombenangriff erlebt wie ihr Ende. Und sie wollte sterben, noch ehe sie getötet wird. Sie floh gewissermaßen auf dem letzten Gnadenweg der Natur nach hinten.

Das bedeutet, die Augen zu schließen, gar nichts mehr sehen zu wollen. Es genügt für das, was ich da sage, eine einfache Müdigkeit. Ich entsinne mich, wie ich, lange hin und her fahrend, in früheren Jahren morgens um drei irgendwann in Kassel vor einem Zebrastreifen ausweichen wollte, weil ich ihn für einen Lattenzaun hielt. Das war die höchste Zeit, ins Bett zu kommen.

Die Erklärung für die sonderbare Wahrnehmung ist sehr einfach, es genügt Müdigkeit und es wird Ihr Gehirn aufhören, Wahrnehmungen stereoskopisch, dreidimensional abzubilden.

Der ganze Organismus, Ihr ganzes Gehirn befiehlt absoluten Stillstand und läßt Sie – buchstäblich – vor die Wand fahren. Sie sollen keinen Raum mehr sehen, in dem Sie sich bewegen, sondern nur noch die Fläche. Der ganze Körper signalisiert, daß jetzt Schluß ist. Und stellen Sie sich vor, daß die Müdigkeit über lange Zeit seelisch produziert wird, gar nicht eine Erschöpfung momentan ist, sondern Ausdruck Ihrer Psyche, dann haben Sie ein gutes Beispiel zu verstehen, was Blindheit ist.

Ich geb`s noch einmal ein bißchen dramatisch wieder. Vor einer Weile sagte mir eine Studentin, daß sie große Angst hat vor der Prüfung, aber sie will sie doch gut bestehen.

Und das bedeutet, daß sie selbst Freitagabend nicht den Krimi guckt, sondern um 9.00 Uhr ins Bett geht, damit sie samstags um 6.00 Uhr aufstehen kann.

Und hat über 15 Bücher aus der Fernleihe da liegen, um alle zu lesen. Es ist noch nicht 8.00 Uhr, da liegt die Studentin schon wieder im Bett, alles abgedunkelt, rasende Kopfschmerzen, sie kriegt die Augen gar nicht auf. Sehen Sie die arme Studentin im Bett morgens um 8.00, ihre Prüfungen vorbereiten müssend, müssen Sie denken, ein ausgemachtes Faultier.

Aber Sie täten ihr unrecht. Diese Studentin will lernen und lernen, tatsächlich kommt sie aber nicht zum Lernen, weil ihre Blindheit, die Verklebtheit ihrer Augen in Migräne, so etwas darstellt wie einen faulen Kompromiß.

Ihr Über-Ich befiehlt ihr zu pauken und eine gute Prüfung zu machen, ihr Es aber, ihre Gefühle sagen ihr, daß das gar nicht mehr geht.

Und zwischen beiden kommt ihr Ich nicht länger zurecht. So tut sie beides, sie hat den Vorsatz, ganz viel zu lernen und tut in Wirklichkeit gar nichts mehr.

Sie erholt sich aber auch nicht im Bett, sondern sie leidet. Die Erholung ist die Krankheit. Und in dieser Mischung kommt sie weder dazu sich zu erholen noch dazu, ihre Prüfung vorzubereiten.

Das ist, was man psychoanalytisch ein Symptom nennt, eine falsche Kompromißbildung.

Ich sag nochmal, wollten Sie der Studentin helfen, nutzt überhaupt kein moralischer Impetus. Was Sie der Studentin beibringen möchten, damit sie ihre Augen wieder aufschlagen kann, ist ungefähr so viel, wie daß Sie ihr versichern, kein Dozent steht morgens um 6.00 Uhr auf, um irgendwas zu lernen, die Kerle pennen samt und sonders bis 9.00 Uhr, das ist ein Standeslaster.

Und 15 Bücher auf einmal kann auch niemand lernen. Zwanzig Seiten morgens, das ist wirklich viel bei diesen Gelehrtenbüchern. Die aber in Gründlichkeit und nicht länger als von 8.00 bis 10.00, dann muß eine Belohnung sein, mindestens eine halbe Stunde. Und um 1.00 muß man wissen, welches Cafe man besucht und wofür man überhaupt lernt.

Nur so wird diese Frau, diese Studentin wieder eine Perspektive für ihr Leben bekommen.

Was ich jetzt so schildere, symbolisiert sich in Mk 8 damit, daß Jesus den Blinden bei der Hand nimmt und führt ihn hinaus.

Hinaus aus dem Dorf. Es ist mit einem Wort nicht länger mehr wichtig, was die anderen wollen, was die anderen denken, wie die anderen gucken. Es ist vollkommen unwichtig. Eben indem das alles hinter sich gelassen wird, vollkommen zurücktritt, beginnen die ersten Schritte einer Heilung. Sie merken aber, es ist sehr nötig, einem Manne zu vertrauen, der sagt, ich begleite dich jetzt. Du alleine kannst diesen Weg in dein Leben sicher nicht gehen. Ich zeig dir nicht, wo`s langgeht. Es genügt, daß wir beide jetzt mal uns in die Augen schauen und hören auf, immer wieder uns fixieren zu lassen von dem, was die anderen wollen.

Spätestens an dieser Stelle haben Sie Ihre Schwierigkeiten mit der Bibel. Denn sagen Sie selber, ein Augenarzt, der wollte Ihnen morgen früh, bei welchem Augenleiden es sei, auf die Augen spucken, ich bin mir ziemlich sicher, Sie würden ihn regresspflichtig machen bei Ihrer Krankenkasse. Es ist unverschämt von dem Manne.

Die Theologen an der Stelle sind hilflos. Die besten Kommentare zu Markus acht im Herder`schen Kommentarwerk der katholischen Kirche, ich zitiere wörtlich, versichern uns, daß „der Speichel eines charismatischen Wundertäters besonders wundertätig ist“.

Eben weil ich vorhin schon sagte, ich möchte nicht, daß wir Psychoanalyse als eine Sonderkunst von Experten verstehen, sondern als Ausdruck von Normalität, behaupte ich, daß es keine Frau hier im Raume gibt, die den Theologen nicht auf die Sprünge helfen könnte, wozu Speichel alles taugt.

Ich seh davon ab, daß Verletzungen im Mundraum aseptisch bleiben müssen, daß der Speichel wirklich eine wunderbare Flüssigkeit ist, die Entzündungen verhindern kann und Heilungen beschleunigen, – um all das geht es nicht bei Augenkrankheit.

Aber kommt Ihr Kind von draußen gelaufen, hat sich gestoßen oder ist gehauen worden, wird eine Mutter es in aller Regel auf den Schoß nehmen, streicheln und vielleicht die verletzte Stelle mit Speichel bestreichen und sagen, es ist alles ganz gut.

Sie möchte nämlich, daß das Kind nicht länger Angst hat vor der gefährlichen Welt, und mit dem Speichel verbindet sich Flüssigkeit und Wärme.

Wir müssen eigentlich sagen, es ist ein Symbol dafür, so geborgen zu sein, wie man es war, bevor man das Licht der Welt erblickt hat – im Mutterschoß. Dieses Vertrauen einer ganz und gar geborgenen, ungefährlichen Welt ist die Berührung mit Speichel an dieser Stelle.

Immer sind die Feministinnen auf der Suche nach Stellen, wo Gott oder Jesus mal ein bißchen weiblich auftritt, diese überlesen sie immer, aber dabei wäre sie sehr geeignet, auch um zu erklären, was im christlichen Verstande eine Taufe sein könnte.

Man geht zurück wie in den Mutterschoß und fängt an die Welt zu glauben mal unter den Augen Gottes als behütet, als warm, als geborgen, und dann erwüchsen überhaupt erst die Kräfte unserer Menschlichkeit wieder. Es wäre soviel, sagt die Kirche, wie ginge man vom Tod ins Leben, nicht mehr und nicht weniger.

Sie begreifen jetzt die Technik der Wundererzählung, davon wage ich zu sprechen eines Parallelismus wegen. Wir haben die Symbolik des Heilungsprozesses hier in Gestalt der Speichelberührung, und wir müßten jetzt rückschließen noch einmal auf den Sinn der Symptomatik. Das ist außerordentlich wichtig, denn solange wir den Sinn der Krankheit nicht verstehen, werden wir sie sicherlich nicht heilen.

Das Paradoxe ist hier, daß Jesus dem Blinden symbolisch erlaubt nochmal, wie im Johannes Drei, zurückzukehren in den Mutterschoß und sein Leben nochmal anzufangen. Das Erstaunliche ist, daß das, was die Psychologen Regression nennen, der Heilungsvorgang selber wird.

An der Stelle habe ich mit manchen theologischen Kollegen unauflösliche Schwierigkeiten, die dauernd an dieser Stelle sofort die Fahne hochziehen und sagen, Regression, das ist Re-Aktion, das ist politisch ineffizient, das ist überhaupt, daß man Menschen zu individuell betrachtet und dann erlaubt man ihnen noch Kinder zu werden, sie sind aber erwachsen und sollten sich engagieren! Alle Leute, die so sprechen, haben in aller Regel keine Ahnung, was es kostet, sich um Leid von Menschen wirklich zu bekümmern.

Adolph von Harnack meinte in seiner Jahrhundertvorlesung über das Wesen des Christentums „Jesus kam nicht, den Staat zu heilen oder die Gesellschaft, nur den Einzelnen.“ Jeder ist krank auf seine Weise. Haben Sie Zahnschmerzen, brauchen Sie morgen früh spätestens einen Arzt, der Ihnen in Ihren Mund hineinguckt, – und keinen anderen. Im großen Stil kriegen wir keinen einzigen Zahnschmerz geheilt. Vielleicht eine bessere Hygiene durch eine verbesserte Zahnpastareklame, aber ganz sicher nicht die Krankheit. Die arbeitet sich nur ab mit viel Geduld am Ort, wo der Schmerz empfunden wird.

Wem es also zu langweilig ist, daß Menschen zurückkehren und ihre ganze Kindheit nochmal durchmachen, wer dafür nichts als faule Worte hat, begreift zum Beispiel die Wundergeschichte Jesu im Markus Acht überhaupt nicht. Und von der Art der Erklärung sind die Kommentare voll. Er begreift dabei etwas ganz entschiedenes. Wenn er einmal sieht, wie Menschen zurückgehen müssen wieder an den Anfang, um nochmal auch nur richtig sehen zu lernen. Der Sinn der Krankheit löst sich nicht anders als U-förmig, – hinunter in die 600 Meter Tiefe, und dann der ganze Prozeß der Angst abgebaut, bis er zum Tage gefördert wird.

Schneller geht`s nicht.

Sagen wir`s nochmal anders. Was der Blinde jetzt lernt, ist, daß er aufblicken kann zu Menschen, denen er vertrauen darf. Und da muß ich an dieser Stelle vielleicht noch ein kleines Beispiel geben, was Krankheit, was Blindheit zu bedeuten vermag: Ich entsinne mich, wie unsere Katze mitunter von draußen aus dem Kalten und Dunklen kam und dann so große und wunderschöne Augen hatte. Und ich erlaubte mir mitunter als Junge, das nachzumachen, guckte genauso mit großen Augen.

Aber nicht so schön, glaube ich.

Ich wußte damals nicht, daß man Katzen niemals frontal angucken darf. Den Hund ja, aber eine Katze nie! Sie bekommt dann Angst, und sie ging lieber voller Schrecken wieder fort ins Kalte und Dunkle.

Menschen sind noch viel klüger als Katzen, und sie wissen, daß sie, wenn sie so angeschaut werden, vorwurfsvoll, streng, von oben herab, nur fliehen können. Und um die Ecke kommt wieder jemand, der so schauen wird. Wenn Sie vor allen Menschen beginnen die Augen zu schließen, haben Sie diese Art von Krankheit.

Als Kinder liebten wir „Kuckuck-Ball“ zu spielen, sagte man in Bergkamen, das war mit drei Jahren, man stand hinter dem Wäschepfahl und hatte es vor Augen, man konnte so gucken, daß man Mutti nicht sah, und wenn man wieder hervorguckte, sah man sie doch, und die Versicherung war, was ich nicht sehe, kann mich auch nicht sehen.

Also, mache ich die Augen zu – bin ich unsichtbar.

Eine sehr kindliche Magie, aber genau in dieser Logik arbeitet die Tiefenschicht unserer Psyche. Wer ihr nicht Vertrauen schenkt, ansehnlich zu werden unter den Augen anderer, der wird die Augen nicht mehr aufschlagen.

Und nun im Eiltempo: Der Blinde sieht die Menschen wie Bäume, und da muß ich behaupten, daß es Symbole sind – Bäume – im Grunde für Frauen, nicht sowohl für Männer, – langgestreckt – es kann auch männlich sein, wertfrei, aber Bäume sind weiblich, schon deshalb, weil sie 50 Millionen Jahre lang der Art waren, an dem unsere Vorfahren Früchte fanden, Nahrung also, Sicherheit vor Schlangen und Adlern, klettern konnten immer in die Vertikale, und jedes kleine Kind, das sich klammert an den Körper der Mutter, lernt ähnliche Reflexe, so stark, daß, wenn Sie einem Neugeborenen die Handinnenfläche streicheln, dieses sofort zupacken wird, wie wenn die Mutti immer noch ein Fell hätte, an dem man sich festhalten könnte.

Ich geb dies kleine Beispiel auch, um zu sagen, wieviel wir den Tieren verdanken und wie stark die Symbole der Religion eingebettet sind in die Psyche schon unserer Vorgänger in der Evolutionsgeschichte.

Kurz nun – der Mann hat gelernt, was er soll. Menschen sind ganz ungefährlich geworden, lauter liebe Leute, sagen wir, Frauen zumeist, Bäume jedenfalls, die nicht gefährlich sind. Der Mann sieht, mit einem Wort, die Welt gründlich verkehrt. Es läge sehr, auch im therapeutischen Sinne, daran, ihm zu sagen, er solle Realitätssinn bewahren: „Du mußt unterscheiden zwischen Menschen, denen du vertrauen kannst und solchen, die gefährlich bleiben. Überhaupt sind die Menschen nicht alle nur lieb wie die Mütter, sondern oft gefährlich. Darum mach die Augen richtig auf.“ –

Es ist das wirkliche Wunder, daß Jesus genau all das nicht sagt.

Das einzige, was er tut, er legt dem Blinden noch einmal die Hände auf die Augen, und da sieht er richtig. Was wäre drum zu geben, wir würden diesen Jesus leben. Wir hätten ein wirkliches Wunder. Nicht eines, das getan wird in Allmacht, davon kann keine Rede sein. Jesus arbeitet sich mühsam, durch mindestens zwei Prozesse hindurch, zur Heilung des Blinden vor. Er demonstriert auch nicht seine Macht vor der Öffentlichkeit, dann müßte er ja auf dem Marktplatz von Bethsaida das Wunder vollbringen, nicht da irgendwo abseits.

Wirklich können wir lernen, daß es besser ist, ein Mensch sieht vielleicht eine ganze Zeit lang die Welt völlig falsch, aber er sieht sie zum ersten Mal selber. Besser als er sieht sie ganz richtig und in Wirklichkeit gar nicht, nur mit geliehenen, mit fremden Augen, blind für jegliches eigene Gefühl, für jedes eigene Leben. Mag`s doch sein, ein Mensch lernt aus Versuch und Irrtum selber zu sehen und jede seiner Entdeckungen ist kostbar, und dieser Prozeß, daß Jesus nur noch die Geste der Geborgenheit, die Handauflegung, erneuert, genügt, um den letzten Rest der Angst fortzunehmen und den Mann zu heilen. Hellsichtig bis ins Weite zu machen. Und es bleibt, daß er sich nicht länger schert um das, was die anderen wollen und denken, sondern er zu Hause anlangt.

Stellen wir uns vor, wir hätten eine Kirche, die erlaubte es den Menschen, selber zu sehen und möchte es auch falsch sein. Sie antwortete nur gegen die Angst mit einem Vertrauen, das Menschen reifen ließe. – Wir hätten ein großes Wunder vollbracht.

Wär`s möglich, wir interessierten uns für die Not der Menschen und wir hätten nichts weiter als, nicht die Handauflegung als Ritus, aber eine Begegnungsform, die den anderen gütig berührt, förmlich ihn streichelt, und die Anwesenheit des einen dem anderen macht zum Schutzraum von Geborgenheit. – Wir hätten den ganzen Jesus.

Wenn Sie jetzt noch sagen, das ist mir zu wenig. Jesus ist ja nur ein Therapeut oder ein Prophet, dann muß ich sagen, er ist unendlich viel mehr für jemanden, der ihn so entdeckt.

Denn der dem Blinden das Augenlicht brachte, kann durchaus heißen im Sinne des Johannes-Evangeliums, „er kam in meine Welt voller Dunkelheit hinein wie ein Licht aus der Sphäre des Göttlichen. Für mich ist er das Licht“.

Und Sie hätten das ganze Bekenntnis aus dem ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums.

Und Sie begreifen, was Glauben nun heißt. Nicht das Nachsprechen fixer Sätze, sondern eine Form der Liebe, die sich beglaubigt, indem sie sich tut. Und es wäre kein Gegensatz mehr zwischen Frömmigkeit und Menschlichkeit, Seelsorge und Psychotherapie, Theologie und Psychoanalyse, Beten und Heilen, Gottvertrauen und Helfen.

So eng, im Sinne Jesu, gehörten diese beiden Sphären zusammen, und es wäre ein und das selbe, von Menschen zu reden und von Gott zu sprechen.

Ich danke sehr für Ihre Aufmerksamkeit!

Vielleicht kann ich noch zwei kleine Geschichten für diejenigen erzählen, die schon nach Hause gehen möchten oder müssen, die vielleicht zusammenfassen, wovon die Rede geht.

– Zwei jüdische Geschichten:

Zwei Juden streiten sich, was es mit der Beichte ist. Und jemand kommt, von fern her, zu einem Rabbi, um endlich seine Sünden loszuwerden. Einem ganz berühmten Rabbi will er alles gestehen. Aber er hört, daß der Rabbi gerade Beichte setzt, er muß noch warten.

Aus dem Inneren aber vernimmt er Lachen, schallendes Gelächter sogar.

Schließlich, als er vorgelassen wird, fragt er den Rabbi, was denn da los war, und der sagt, „nun ja, ich hörte Beichte“. „Aber Gelächter war doch, „jo-ho“ war“. „Ja siehst du, mein Sohn“, sagt der Rabbi, „so ist es nun mal. Die Leute kommen zerknirscht und reuig. Allen tut ihre Sünde leid. Und so lang es das ist, werden sie sie nicht los. Zur Tür hinaus tun sie sie wieder, schon weil sie dauernd an sie denken. Aber wenn sie erst einmal anfangen, sich zu begreifen und schlagen sich auf die Schenkel vor Vergnügen, wie sie so haben handeln können, dann haben sie`s hinter sich. So höre ich Beichte.“

Zwei Juden stritten sich, welcher ihrer Rabbis der Größere sei. Und der erste sagte, „kein Problem, mein Rabbi, außer Diskussion! – Er kommt in ein Dorf, er sieht ein Kind krank daliegen, gleich geht er hin und es ist gesund. Siehst du – mein Rabbi.“ „Nein“, sagt der andere, „mein Rabbi!“ „Kann nicht sein“. „Doch“, sagt er, „höre zu: Welch Gebot wäre uns Juden heiliger als der Sabbat. Da fuhr der Zug von Lodz nach Lublin an einem Freitag und es schneite, so daß die Gleise nicht befahrbar waren. Der Zug hielt und der Sabbat brach an, wo kein Rad sich drehen, kein Zug mehr fahren kann. Die Kinder weinten, die Frauen klagten – Was tat da unser Rabbi?! Er betete den Sabbatsegen über alle. Und jetzt höre ein großes Wunder: Links vom Gleise stand der Sabbat, rechts vom Gleise stand der Sabbat, – und mitten dadurch fuhr unser Zug!“

Wenn, will ich sagen, Sie Leute haben, die lieber brechen das Heiligste Gesetz in Israel als das Herz eines Menschen, hätten Sie das Größte aller Wunder vollbracht und wären dicht bei dem Mann aus Nazareth!

Literaturempfehlung zum Vortrag:
Dr. Eugen Drewermann, „Tiefenpsychologie und Exegese“, 2.Band.
Dr. Eugen Drewermann, „Und legte ihm die Hände auf“.
Dr. Eugen Drewermann, „Jesus von Nazareth“
Das Copyright liegt bei Dr. Eugen Drewermann (1997)

Vorwort


In einer Zeit wachsender Bedrohung
allen Lebens auf der Erde

• durch eine synthetische Biologie, die sich anschickt, die Gesetze von Schöpfung und Evolution schrankenlos an Interessen des Menschen anzupassen und sie menschlicher Schöpfer-Ambition unterzuordnen,

• durch die – längst widerlegte – Vorstellung von der Vorhersehbarkeit und Beherrschbarkeit der Folgen biotechnologischer Eingriffe in die Natur,

• durch die globale Ausbreitung einer utilitaristischen Bioethik, die als ,Ethik der Interessen‘ bestrebt ist, die tradierten Grenzen einer ,Ethik der Würde – also den Schutz des menschlichen Individuums zwischen seiner Zeugung und seinem Tod – aufzuheben und den Geltungsbereich der Menschenwürde an dessen Bewußtseinsfähigkeit zu knüpfen,

• durch ein funktionalistisch geprägtes Menschenbild, das den Menschen in seiner biografischen und sozialen Existenz reduziert auf die Vorstellung vom Menschen als ,belebte Materie‘, die beliebig hergestellt, manipuliert, repariert und zerlegt werden kann, -mit den absehbaren Folgen der Enthumanisierung und Entsolidarisierung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens,

• durch eine einseitige Bewertung alles Lebenden unter Nützlichkeitsaspekten und die zunehmende Verfügbarmachung und Aneignung aller Lebensformen für Wissenschafts- und Wirtschaftsinteressen,

• durch massive Bestrebungen der Industriegesellschaften, vermarktungsrclevante Gene von Pflanzen, Tieren und Menschen zu patentieren, sie damit durch Besitzmonopol der freien Nutzung durch die Menschheit zu entziehen und zur Ware zu machen,

war (und ist) es mir wichtig, mich u. a. mit Religionswissenschaften, Philosophie, klassischer Astrologie, Esoterik und Spiritualität, Mensch, Natur und Technik zu befassen und meinem Leben eine spirituelle Richtung zu geben.

Zunächst möchte ich einige Worte in ihrer Bedeutung erklären, die häufig in diesem Zusammenhang verwendet werden.

Religiosität im 21. Jahrhundert? Was könnte das heißen?

Der Begriff „Religion“ kommt von lateinisch religio = Rückbindung; wohl dem, der eine Rückbindung hat in Form eines Gottes- oder Schöpfungsbildes hat!

Unsere abendländische Kultur ist eine Religionskultur; leider wird das zu häufig vergessen. In unseren Bibliotheken findet man genug Lesestoff zum Thema Mensch und Schöpfung.

Nachlesen lohnt sich, „Frömmeln“ ist damit nicht gemeint.

Möglichkeiten zum Austausch in Diskussion und Podiumsgespräch bietet die Kulturlandschaft reichlich.

Der Begriff ,,spirituell“ ist abgeleitet von lateinisch ,,spiritus“, Geist.

Er bedeutet also: ,,Das Geistige betreffend“, gemeint ist ethisches „Rundumdenken“ und auch eine entsprechende Lebensweise.

Spiritismus ist nicht damit gemeint.

,,Esoterisch“ ist ebenfalls ein Lehnwort aus dem Lateinischen. Es bedeutet: ,,Das Verborgene betreffend.“

Der Gegensatz dazu ist ,,exoterisch“, also: ,,Das Offensichtliche betreffend.“ oder kurz gesagt: Esoterisch = meint den Blick nach innen, Exoterisch = meint die Welt außen.

Mit einigen Beispielen wird vielleicht besser verständlich, was damit gemeint ist:

Wenn ein Geschäftsmann eine neue Maschinenanlage für seine Fabrik kauft, um günstiger produzieren zu können, ist dies eine materiell orientierte Handlung. Sie ist deswegen aber nicht zwangsläufig moralisch oder ethisch verwerflich.

Bedenkt er dabei außerdem den Umweltschutz, bessere Arbeitsbedingungen für die bei ihm Beschäftigten, gesteigerte Qualität seiner Produkte und eine neue Art der Gestaltung seiner eigenen Arbeitssituation, die seiner eigenen Entwicklung als Mensch förderlich ist und mehr seiner Eigenart entspricht, dann handelt dieser Unternehmer spirituell; auch wenn er keine einschlägigen Bücher liest oder Seminare besucht, geschweige denn das ,,Fachvokabular“ kennt.

Verwendet er Orakelarbeit, Numerologie, gechannelte Botschaften und Rituale, um zu einem günstigen Preis zu der für ihn und seinen Betrieb optimalen Maschine zu kommen und den Widerstand seiner Belegschaft gegen die unbequeme Neuerung in konstruktive Beschäftigung mit den neuen Möglichkeiten umzuwandeln, dann handelt er esoterisch.

Eine esoterische Handlung muss nicht zwangsläufig moralisch und ethisch korrekt, also gleichzeitig spirituell sein.

Sehr viele Menschen beschäftigen sich überwiegend mit den vielen interessanten Fachgebieten der. Esoterik, um gegenüber weniger informierten und geschulten Mitbürgern Vorteile zu haben. Und sei es nur, immer einen freien Parkplatz zu bekommen, wenn man will, die gutbezahlte neue Arbeitsstelle vor allen anderen Bewerbern zugesprochen zu bekommen oder in der Lotterie zu gewinnen.

Zusammengefasst bedeutet das:

Ein materiell orientierter Mensch denkt erstmal an sein eigenes Wohl und Überleben sowie an die Belange der ihm Nahestehenden (Familie, Freundeskreis etc.).

Ein esoterisch orientierter Mensch verwendet Kenntnisse über die den meisten verborgenen Gesetze der Natur und daraus erwachsende Fähigkeiten zur Bewältigung der Herausforderungen seines Lebens.

Ein spirituell orientierter Mensch bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen sowohl für sich und die ihm Nahestehenden zu sorgen, als auch möglichst vielen anderen Menschen/Wesen, Chancen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur nachhaltigen Verbesserung ihrer Lebensqualität zu eröffnen.

Bernd
astromant
CARPE DIEM