Seitensprung und neue Haut…


Kein Mensch ist gegen die Empfindung gefeit, die man Defizit nennt. In der defizitär empfindenden Phase fragt man sich: Wo sind nur die „Schmetterlinge im Bauch“ geblieben? Liebe und Begehren scheinen irgendwann abhanden gekommen zu sein. Wo ist es, jenes aufregende und begierige Gefühl, dass sich automatisch einstellte, sobald der Partner nur in die Nähe kam? Inzwischen reizt die Nachtlektüre mehr als leidenschaftliches Bettgeflüster mit dem einst heißbegehrten Lover. Die Liebe ist da, aber der eigentliche Kick, der die Partnerschaft auch im Sog des Alltäglichen zum erotischen Abenteuer werden lässt, fehlt. Manchmal ist es wie früher, einfach traumhaft – aber zu selten. Resigniert von der Vergänglichkeit des Verliebtseins suchen Frauen wie Männer sexuelle Abwechslung und Befriedigung außerhalb der festen Beziehung.

Allerdings: Längst ist der Seitensprung keine Domäne verheirateter Männer mehr. Auch Ehefrauen finden ihre Befriedigung in sexuellen „Fremdgängen“ auf Messen und Berufsreisen. Auch die im Internet angebotenen Seitensprung-Ratgeber und Seitensprung- Vermittlungsagenturen machen deutlich: Der Bedarf ist riesig. Auch die „heimliche Liebe“ wird schonungslos kommerzialisiert. Willige Seitenspringer lassen sich – natürlich gegen Bezahlung – in Karteien aufnehmen, in der Hoffnung, dass die perfekte Geliebte oder der perfekte Geliebte gefunden wird. Man stelle sich nur vor: Auf der Suche nach einem „Adonis“ findet eine Frau das Profil ihres Gatten – in einer Seitensprung-Agentur … köstliche, filmreife Vorstellung, die meine Phantasie beflügelt …

Lust auf heimliche Liebe
Neugierde nach etwas Neuem; der Reiz des Verbotenen; die Suche nach Selbstbestätigung; der Beweis noch begehrenswert zu sein, auch mit 50 auf andere noch attraktiv zu wirken; sexuelle Unzufriedenheit oder schlichtweg eine „gute Gelegenheit“ für einen außerhäuslichen One-Night-Stand – es gibt viele Motive fürs Fremdgehen. Ich gehe seit Jahren der Frage nach, wie es zu Seitensprüngen kommt und wie man mit Lüge und Schuldgefühlen umgeht. Affairen sind etwas Rauschhaftes, sie sind eines der letzten Reservate von Wildnis in der Zivilisation. Die offizielle und dauerhafte Zweier-Beziehung reglementiert hingegen, sie ist nicht menschenkind-gerecht.

Wir sind Säugetiere, wir lieben es, wenn jemand unsere Halslinie streichelt und unseren Namen stammelt. Wir lieben neue Haut. Wir lieben es, begehrt zu werden. Im Alltag gehen solche Dinge unter. Sie ersticken im Arbeits-Alltag. Zwar will die Liebe gepflegt sein, aber wir sind nun mal geneigt, uns durch Schuldzuweisungen etc. das Leben schwer zu machen.
Beim plötzlich auftauchenden Partner, der eventuell selber ein Defizit mit sich herumträgt, können wir gesprächsweise unser Leben neu aufrollen und uns im rechten Licht darstellen.
Der Partner zuhause kennt all unsere Schwächen und hat unsere Kindheitserlebnisse etc. etliche Male gehört. Der/die NEUE hört hin.

Ob sich die Wünsche, die der Untreue sich von der geheimen Liebesbeziehung erhofft, dann auch tatsächlich erfüllen, ist ungewiss. Bei einigen bleibt nach dem Rausch der Gefühle sicherlich nur der schale Beigeschmack des schlechten Gewissens. Denn eigentlich möchten die wenigsten ihre Beziehung gefährden, wollen den anderen nicht verletzen.

Schließlich hat man sich gegenseitige Achtung, Liebe und Vertrauen versprochen. Und daher wird alles getan, damit der Partner von dem Verhältnis nichts erfährt, der Vertrauensbruch geheim bleibt. Phantasievolle Entschuldigungen für Wochenendreisen und lange Abende ausserhalb sind schnell gefunden und sollen helfen, die verbotene Tat zu vertuschen. Häufig müssen Freunde, Bekannte, Sportkameraden und Kolleginnen herhalten, um das Liebesabenteuer zu decken. Lügengerüste werden konstruiert. Und je komplizierter und verflochtener diese sind, desto eher riecht der Partner Lunte, bröckelt die mühsam aufrecht gehaltene Fassade einer guten Beziehung oder Ehe.

Brenzlig wird es aber vor allem dann, wenn das „Verhältnis“ nicht mehr an zweiter Stelle stehen möchte, eine legale Beziehung einfordert.
Lässt sich dann noch ein Schluss-Strich ziehen, ohne dass die geheimgehaltene Dreiecksbeziehung auffliegt?

Die emotionale Zwickmühle mahlt tief, hinterlässt Spuren im eigenen Seelenfrieden und verkehrt den ursprünglichen Wunsch nach Glückseligkeit ins Gegenteil. Soll die Nebenbeziehung eine Hauptbeziehung und die eigentliche (offizielle) Partnerschaft beendet werden. Ist es das, was Mann oder Frau wollte? Eigentlich ging es anfangs doch weniger um etwas „Festes“, als vielmehr um sexuelle Lustbefriedigung. Die Affäre zu beenden, heißt aber auch, die Gefahr in Kauf zu nehmen, dass der oder die Zurückgesetzte sich rächt. Der Kinofilm „Eine verhängnisvolle Affäre“ zeigt, wie bitterböse ein erotisches Abenteuer enden kann.

Total abwegig ist der Handlungsablauf in dem denkwürdigen Kinofilm nicht.

Anekdote aus meinem nachbarlichen Umfeld: Ich war überrascht, von einer Dame, die ihre Affaire verbal beim Kaffeetrinken topcool abhandelte mit Worten wie „Mehr als die Affaire und die Treffs will ich gar nicht…“ (von ihm, dem verheirateten Mann…), handelte auf einmal gar nicht mehr so topcool. Plötzlich rief sie nämlich die Ehefrau an, offenbarte ihr das Techtelmechtel und fragte: „Sagen Sie mal, glauben Sie, dass der (!) sich von Ihnen trennt und mich heiratet?“

Na, bravo! Unglaublich.

Zurück zum Thema:

Es ist immer zu raten, die Affäre gegenüber dem Partner zu verheimlichen, um diesen und dessen Intimsphäre zu schützen. Die Idealisierung von Offenheit finde ich naiv, da Geständnisse immer verletzen und den Partner belasten würden. Was passiert aber, wenn die Parallel-Beziehung trotz strengster Geheimhaltung auffliegt? Wohl kaum einer bleibt bei einer solchen Entdeckung noch cool. „Wie konntest du mir das nur antun?“, „Du Schwein“, Warum nur?“ – die Betrogenen reagieren gekränkt, mit Unverständnis, bekommen Wutausbrüche, sind zutiefst getroffen.

Ich halte es in diesem Falle für sinnvoll, nicht über die Affäre selbst zu sprechen, sondern über das „Warum“. Die Gründe für das Fremdgehen offen zu legen, könnte durchaus produktiv für die Beziehung sein, weil dann Gründe für das empfundene Defizit auf den Tisch kämen, Ängste aus- und Entwicklungsmöglichkeiten angesprochen würden. Ob der Vertrauensbruch jemals wieder richtig gekittet werden kann ist fraglich. Empfehlenswert ist hierbei: Zuwendung. Um Menschen (wieder) zu gewinnen muss man vor allen Dingen liebevoll zu ihnen sein. Aus der Praxis weiß ich, dass es viele Paare gibt, die trotz der Seitensprünge ihre Beziehung nicht beenden und an ihr arbeiten. Gleichwohl gibt es immer wieder Situationen, in denen die Angst ausbricht und die Partnerschaft wackelt.

Die Frage „War es das wert?, stellt sich derjenige, der seinen Partner betrogen hat, dann allerdings zu spät.

 

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