Oculi – Meine Augen sehen … 3. Passions-Sonntag


Oculi – Okuli heißt der dritte Passions-Sonntag vor Ostern

Als Konfirmanden in spe haben wir uns die Namen der Sonntage durch eine Eselsbrücke merken können, die lautete:
„In Richters Ofen liegen junge Palmen!“ und schon war die Verbindung hergestellt zu Invocavit, Reminiscere, Oculi, Laetare, Judicavit und Palmarum.

Oculi – Meine Augen sehen (auf den Herrn… ) heißt der dritte Passions-Sonntag oder Fasten-Sonntag vor Ostern.

Wir waren in den 1950er Jahren keine bequemen Konfirmanden-Schüler für unseren Pastor Meyer. Ich glaube, wir haben ihn manchmal ganz schön genervt mit unseren Fragen und unseren Witzen. Sein Humor wird ihm sehr geholfen haben.

Er animierte uns dazu, kritische, aufmerksame Christen zu werden. So lernten wir von ihm, dass (nicht nur) in uns Konfirmanden ein Grieche und ein Jude wohnt. Der Jude in uns will an einen Allmächtigen glauben und hadert ab und zu mit Gottes Gerechtigkeit (man denken an die endlose Zahl der Rabbi-Witze, die sich die Juden erzählen), der Grieche in uns will in Glaubensdingen mit verkopften Fragestellungen usw. weiterkommen.

Bei diesen teils humorvollen nachmittäglichen Debatten erzählte er uns manchmal von Maimonides, der zu seiner Zeit viele Fragen aufwarf, sie aber auch gleichzeitig wie in einem Atemzug recht schlüssig beantwortete.

Maimonides, genauer gesagt Moses Maimonides war der bedeutendste jüdische Gelehrte des Mittelalters.

Wie es dazu kam?

Maimonides war zehn Jahre alt, als seine Familie aus Cordoba, der Hauptstadt des Kalifats in Spanien, durch die Almohaden, eine fanatische islamische Sekte, vertrieben wurde.

Um dem Tod oder der Zwangsbekehrung zu entgehen, kehrte die Familie Cordoba fluchtartig den Rücken und ging auf schwierige Wanderschaft.

Erst nach zwanzig Jahren soll sie ein sicheres neues Zuhause in Ägypten gefunden haben.

Maimonides war inzwischen als Autor theologischer Werke ein bekannter Mann geworden, dessen Ausarbeitungen in gelehrten jüdischen Kreisen die Runde machten.

Er war Leibarzt des Kalifen Saladin in Kairo.

Sein „Führer der Unschlüssigen“ erschien 1190.

In diesem Werk zeigte er auf, dass es zwischen Religion und Naturwissenschaft keinen Widerspruch gebe.

Er zog den Heiden Aristoteles zurate, um die harmonische Beziehung zwischen Physik und Metaphysik nachzuweisen.

In Europa war der griechische Philosoph Aristoteles noch fast unbekannt.

Maimonides warf vor 800 Jahren kritische Fragen auf und lieferte gleich die Antworten.

So lehrte er, dass die sieben Tage der Schöpfung lediglich als Metapher zu verstehen seien. Gott spreche nie direkt mit Menschen, weil er gar keinen Mund habe. Logisch, irgendwie…
Gott sei Ausdruck der reinen Liebe und also schon rein deswegen sei er nie tobsüchtig.

Das weiß heute jeder Konfirmand. Aber damals, in der Zeit der Wetter-Götter, des Aberglaubens und dgl. sah das anders aus.

Ganz im Geist der späteren Aufklärung wollte Maimonides die Bibel nicht wörtlich verstanden wissen; denn es würde die Bildsprache benutzt. Damit die Schriften für jedermann verständlich sind. Einleuchtend.

Dass der Mensch Ebenbild Gottes sei, bedeutet, dass der Mensch die Fähigkeit habe, moralisch zu handeln. Gut so!

Maimonides‘ auf Arabisch geschriebener „Führer“ wurde bald ins Hebräische übersetzt und unter jüdischen Denkern heiß diskutiert.

Anfang des 13. Jahrhunderts erschien die erste lateinische Übersetzung.

Thomas von Aquin, Albertus Magnus und Meister Eckhart wurden zu seinen begeisterten Lesern; von allen wurde er gern zitiert.

Dank Maimonides Buch wurde Aristoteles in Europa wiederentdeckt.

Ein jüdischer Philosoph wurde so der Wegbereiter einer neuen Philosophie der Vernunft.

Jahrhunderte später zählten auch die Naturwissenschaftler Leibniz und Newton zu seinen eifrigen Lesern.

Bis ins 20., ja 21. Jahrhundert hinein beeinflusste er die Philosophie.

Mehr über Maimonides gibt es per Google (214.000 deutschsprachige Einträge) oder in den einschlägig bekannten Lexika zu erfahren.

astromant

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